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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

einzudringen versteht, hat zu dem Prachtwerk eine für die Kunstgeschichte 
wertvolle Studie über des Meisters Kunst beigetragen. Wie sehr sie 
ihn versteht, beweist die gedrungene Kürze ihrer Skizze; die Bilder 
mögen für sich selbst reden, und wahrlich, sie reden mit so mächtiger 
Stimme, daß selbst die kurze Einführung -- ein literarisches Meisterwerk - 
überflüssig erscheint. Was für eine Fundgrube für den psychologischen 
Forscher, für den Kulturhistoriker der Zukunft! Das Ende des XIX. Jahr- 
hunderts, vielleicht des letzten jahrhunderts der markierten Rassen- 
unterschiede, welche durch internationalen Verkehr und Blutmischung rasch 
verschwinden, spiegelt sich treu in diesen Bildnissen. 
Unverständige haben Sargent mit Unrecht vorgeworfen, daß seine 
Auffassungsweise manchmal jener des Karikaturisten ähnelt. Daß gewisse, 
ihm unsympathische Erscheinungen des modernen Lebens von ihm mit 
feiner Ironie behandelt werden, mag wohl sein. Niemals aber arten seine 
Charakterstudien in Karikatur aus. Sargent ist, wenn ich mich des von 
einem französischen Kritiker erfundenen Ausdruckes bedienen darf, durch und 
durch Characteriste. Das will eben sagen, daß er sich bemüht, das rein 
Typische und Charakteristische seiner Modelle aus der Gesamtheit der 
Eindrücke loszulösen und auf der Leinwand auf Kosten der weniger 
bedeutenden Züge hervorzuheben. Ebenso verfährt der Karikaturist, nur 
kommt bei ihm das Element der Übertreibung dazu und Übertreibung 
vermeidet Sargent sorgfältig; höchstens akzentuiert er ein wenig. 
Der boshafte, fast grausame Realismus, mit welchem Sargent gewisse 
Typen behandelt, läßt sich schwer illustrieren, da es nötig wäre, die 
betreffenden Bildnisse von lebenden Persönlichkeiten mit Namen zu 
bezeichnen, und der Erklärung halber ihr ganzes Privatleben und ihre 
ganze Geschichte der Öffentlichkeit preiszugeben. In der Geschichte der 
Malerei gibt es wohl keine beißendere Satire als Sargents Darstellung eines 
bekannten jüdischen Finanziers, eine kurze Zusammenfassung sämtlicher 
Rasseneigenschaften, die nicht nur in den Gesichtszügen. sondern in der 
Haltung und in den Händen ausgedrückt sind - in der Linken, deren 
Daumen in die Westentasche gestemmt ist, in der Rechten, mit der 
Havannazigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger und mit nach oben 
gerichtetem, zurückgebogenem Daumen, einer Hand, die fast zu sprechen 
scheint. Selbst der Pudel in der linken Ecke, von dem man nur die 
blitzenden Lichter der Schnauze und des Auges und eine feuchte, vibrierende 
Zunge sieht, ist nicht ohne Bedeutung. Dabei ist der Ausdruck des 
Modelles nicht ohne Bonhomie und Humor. Man fühlt, daß der Mann 
großmütiger Regungen fähig ist, daß unter Umständen seine Freigebigkeit 
und Gastfreundschaft eben so großartigen Zuges sein mögen, als seine 
Fähigkeit, Reichtum anzuhäufen. 
Ebenso charakteristisch ist das Doppelbildnis der beiden Töchter des 
Finanziers, beide in Balltoilette, welche die üppigen Formen der orien- 
talischen Schönheiten vorteilhaft zur Geltung treten läßt. Von den vier
	        

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