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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 2)

Im Luxembourg-Museum in Paris hängt in der englischen Abteilung 
Sargents Carmencita, die spanische Tänzerin in leuchtend gelber Seide 
gekleidet, keck herausfordernd in Haltung und Ausdruck, die Arme gegen 
die Hüften gestemmt, sinnlich und mit dem stolzen Bewußtsein der Schön- 
heit des Südens. Sinnlich sind die vollen roten Lippen, sinnlich ist die 
Flamme der schwarzgeränderten, mandelförmigen Augen. Ein wollüstiger 
Zauber strahlt aus der ganzen Erscheinung. 
Eine ähnliche Gestalt ist die Hauptfigur des schönen Bildes .,El Jaleo", 
nur zeigt er uns da die spanische Tänzerin im vollen Wirbel zuckender 
Bewegung. Das ist nicht der zahme Tanz des kühlen Nordens; das ist die 
konvulsive Bewegung der Hüften, des Oberkörpers, der Arme, welche den 
monotonen Klang dünner Instrumente rhytmisch markiert. Ein Arm ist mit 
losem Handgelenk der Tanzbewegung folgend in die Luft geschleudert, der 
andere gegen die Hüfte gestemmt, so daß der Ellbogen mit kühner Drehung 
nach vorne gebracht ist und die Muskelspannung die strukturelle Entwicklung 
des Armes zeigt. Der Oberkörper ist zurückgeworfen, aber alle diese leiden- 
schaftliche Bewegung ruft doch nicht jenen Eindruck des Unbehagens, der 
Instabilität hervor, welcher so häufig in der Malerei und Skulptur vom 
Festhalten eines Bewegungsstadiums resultiert. Dieses köstliche Gleich- 
gewicht findet man überhaupt immer bei Sargent, wenn er sich mit dem 
Ausdruck der Bewegung befaßt und die meisten seiner Bildnisse sind 
unendlich lebendig aufgefaßt. Er weiß den kurzen Moment der Ruhe in der 
Bewegung festzuhalten und vermeidet so die unangenehme Wirkung der 
Momentaufnahme, die eine Phase der Bewegung selbst versteinert. 
So wie die beiden genannten Bilder die Luft Spaniens ausatmen, so 
deutet Sargent in der Aktstudie „Aegyptisches Mädchen" mit einigen kühnen 
Pinselstrichen die schlangenartige Geschmeidigkeit der Glieder und die 
elfenbeinartige Mattheit und Glattheit der Haut der Nordafrikanerin an. 
Ich habe diese extremen Beispiele von stark markierten Rassenunter- 
schieden angeführt, um zu zeigen, daß sich Sargent nicht mit der-ober- 
liächlichen Beobachtung von Nationalcharakter und Kostüm begnügt, 
sondern tief in das innerste Wesen des Dargestellten eindringt. Weniger 
augenscheinlich, aber von ebenso großer psychologischer Feinheit ist seine 
Beobachtung und Auffassung von Persönlichkeiten aus der englischen und 
amerikanischen Gesellschaft. Hier findet man, besonders bei den Damen, 
nicht mehr den ungezügelten Ausdruck des natürlichen Impulses. Das 
gesellschaftliche Leben schreibt das Tragen einer Maske vor und der 
Durchschnittsporträtmaler sieht nichts als diese Maske, welche Sargents 
Auge suchend und erkennend durchdringt. 
Wozu sollen wir ihm aber in dieser Forschung folgen? Für uns mag es 
genügen, daß Sargent uns in einer unübertroffenen Bilderreihe die Anmut, 
die Schönheit, den Schliff, die ganze Kultur der englischen Frauenwelt 
unserer Zeit gegeben hat. Seine Bildnisse von Damen aus der höheren 
Gesellschaft sind von unbeschreiblicher Grazie und Eleganz. Sie atmen
	        

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