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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 93)

In den Bereich des ldealschönen gehören diese 
Leiber freilich nicht. Es ist der Erdenkioß Mensch 
und oft ein Bündel aus Fleisch und Angst. das die 
Teilnahme der Künstler erregt, eine unförmige 
Leiblichkeit und eine auch in dem Animalischen, 
Dumpfen, aus dem sie sich nicht befreien kann, 
rührende i letzlich noch bei den Weibern, die 
Liebe gegen Geld zu spenden bereil sind. l-lrdlicka 
richtet nicht über sie. 
Staunenswertistdie Sicherheit. mitderderZeichen- 
stift Hrdlickas seine Geschöpfe umreißt, sensibel, 
wo es ihm darauf ankommt und mit aller Kraft 
und Härte dort. wo er will. Er schattiert und 
schraffiert. er vermag feinste Nuancen und stärkste 
Wirkungen hervorzurufen, ungemein plastische, 
dichte, filzig gewebehafte und hauchdünne; auch 
stößt er und greift er in räumliche Tiefen hinein. 
Er bedeckt das Blatt nicht mit Figur bis zu den 
Rändern hin. Das Räumliche hat bei ihm eine 
merkwürdige Rätselhaftigkeit. die den Blättern. 
die dem Geschehen etwas Mythisches verleiht. 
Auch dort. wo es sich um gar kein zusammen- 
hängendes Geschehen handelt - es sind ia zu 
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allererst Studienblütter, Einfälle, Beobachtungen, 
zu sehr verschiedenen Themen -, kommt eine 
Einheit zustande. Stürmisches Pathos und feine 
Lyrismen können nebeneinander bestehen, dus 
Alltüglichste und das Allgemeinste kann Bedeutung 
gewinnen - des gewöhnlichen Menschen in 
seiner Nichtigkeit, seinem Leiden, seiner Größe 
Konterfei. Das erste dieser großformatigen Blätter 
ist im Jahre 1960 entstanden. Seit 1964 folgen sie 
rascher aufeinander. Es versteht sich. ddß kleinere 
Zeichnungen Hrdlickas in weit frühere Zeiten 
zurückreichen. Auch der Kunst der Radierung und 
der Lithographie hat der Künstler sich damals 
schon gewidmet. 
Die erste der großen zusammenhängenden Folgen 
von Radierungen, „1001 Nacht", ist 1959 datiert. 
Sie gilt den Animierdamen in den Nachtcafes. 
den lnsassinnen von Bordellen und jenen, die auf 
den Straßen noch der Kundschaft Fischen. Wieder 
ist der graphische Reiz der Blätter groß. Vor der 
Nüchtigkeit und Eigenartigkeit dieser Szenen. die 
auch nicht ohne Humor sind, füllt sogar manches 
Blatt eines so bedeutenden Künstlers wie Alfred 
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Kubin ins vergleichsweise Harmlose ab. Eine Reihe 
von Radierungen zur Bibel (..Samsan" und 
..Arnnon") entstand 1961. Ihr Ernst, ihre Vitalität, 
ihr Humor, ihre packende Kraft sind staunens- 
wert. 
1962163 ist die Zeitspanne. in der das Schicksal 
der Giftmischerin Martha Beck den Graphiker 
Alfred Hrdlicka beschäftigte. Der Künstler hat 
ihre Geschichte einer Bilderzühtung, auf die er 
in einer Zeitung stieß, entnommen. Martha Beck, 
eine Krankenschwester, war dem Heiratsschwindler 
und Witwentröster Raman verfallen. Aus Eifer- 
sucht brachte sie ihre Rivalinnen mit vergiftetem 
Kaffee ums Leben. Sie endete auf dem elektrischen 
Stuhl, getröstet dadurch, daß Ramon ihr vor 
seiner Hinrichtung versicherte, seine Liebe habe 
nur ihr allein gehört. Was Hrdlicka an dieser Drei- 
groschengeschichte. dieser Kriminalstory packte, 
war das Malilose einer Leidenschaft, der Konflikt 
zwischen einem sehr starken Gefühl und der 
Unzulänglichkeit derjenigen, die es empfand. 
Der Stil der Darstellung und die ironischen Titel 
versetzen das Ganze in eine Sphäre der tragischen
	        

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