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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 1)

Meinungsverschiedenheiten 
bestehen, so ist man doch 
wenigstens in dem Kardi- 
nalpunkte einig, daß nur 
die Rückkehr zur ewigen 
Quelle alles Schönen und 
Wahren - zur Natur - 
uns von dem unfrucht- 
baren Nachahmen der 
Schöpfungen verflossener 
Kunstperioden unabhängig 
machen und allmählich 
auch zu selbständigen Lei- 
stungen befähigen könne; 
heute darf kein Reform- 
programm, welches ernst 
genommen werden will, 
sich dieser Forderung ver- 
schließen und kein Lehr- 
plan, der als diskutierbar 
gelten soll, kann auf einer 
anderen als auf dieser 
Grundlage aufgebaut sein! 
Mit der Erkenntnis von 
dem unschätzbaren Wert 
des Naturstudiums für die 
Bildung des Geschmackes, 
„u; delices de Fenfance, Stich von j. j. Balechou nach Boucher die Weckung und Ver- 
edlung des Farben- und For- 
mensinnes ist schon ein großer Schritt nach vorwärts geschehen; merkwürdig 
bleibt in dem Entwicklungsprozesse des Zeichenunterrichtes nur das eine, 
daß man spät, sogar sehr spät zu dem erwähnten Wandel der Anschauungen 
gelangt ist und daß der vor 17 Jahren ergangene Mahnruf des Altmeisters 
Hirthik erst nach einem vollen Jahrzehnt allgemeinere Beachtung gefunden hat 
und schließlich in seiner Grundidee siegreich zum Durchbruche gelangt ist. Die 
Kunstgeschichte hätte uns ja schon längst lehren sollen, daß alle Kunst, von 
der Urzeit angefangen, in sämtlichen unabhängigen Stilepochen ein mehr oder 
minder ausgeprägtes Naturstudium zur Vorstufe hatte! Kann man sich denn die 
Meisterwerke der Plastik der Antike, ihre freie und edle Charakteristik, 
den hehren Ausdruck der seelischen Empfindungen, die anatomisch-richtige 
Durchbildung der Körperformen in Ruhe und Bewegung auf anderem Wege 
entstanden denken, als durch vorangegangenes, äußerst sorgfältiges Studium 
der menschlichen Gestalt? Finden sich nicht bei allen Stilarten Pflanzen- 
" Georg I-linh, Ideen über Zeichenunterricht und künstlerische Berufsbildung. München, 1887.
	        

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