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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 4)

DIE KUNST VON GEORGE FRED. WATTS S0 
VON KEUDELL-LONDON 50 
N der Royal Academie drängt sich täglich die 
Menge vor den Werken dieses Meisters, der 
von vielen als der größte englische Maler des 
XIX. Jahrhunderts betrachtet wird. 
Mit welchem Gefühle nun verläßt der 
Besucher die Ausstellung von Watts Bildern im 
Burlington House? Ich muß sagen, es ist das 
Gefühl der Enttäuschung, und der strebende 
Kunstjünger sieht sich um eine Illusion ärmer. 
Die Anzahl der ausgestellten Werke reprä- 
sentiert den Meister in seinem gesamten 
Können. Das Publikum ist daher zum ersten Mal im stande, über die außer- 
gewöhnliche Mannigfaltigkeit desselben zu urteilen. Es ist sonderbar genug 
und beleuchtet die Trugschlüsse der populären Auffassung, daß Watts 
gerade in der Eigenschaft als symbolischer Maler und nicht eher als Porträt- 
maler berühmt wurde. Seine persönliche Auffassung nämlich war so markant 
und gebieterisch, daß sie völlig die Bilder beherrschte und durchdrang. Der 
große Moralist Watts hatte ein Bekenntnis, voll von Schönheit, Licht und 
Hoffnung und er blickte auf die Welt wie auf ein Schlachtfeld, auf dem die 
guten und bösen Mächte ihre Kämpfe ausfochten; seine Gedanken aber 
brachte er auf die Leinwand, um den Beschauern durch die bildlichen 
Gleichnisse seine Lehren einzuprägen. 
Des Mannes persönliche Anziehungskraft war unwiderstehlich. Etwas 
Edles und Großes lag in seiner Mißachtung aller äußeren Ehrungen, sein 
Geist schien über der Erde zu schweben und blieb dennoch so menschlich 
durch das Zärtliche seiner Empfindung und durch sein lebhaftes Mitgefühl. 
Watts bestbekannte Allegorien handeln von der Liebe. Liebe betrachtet 
er als die herrschende Macht im Leben, als das göttliche Element, ja selbst 
als den Besieger des Todes. Liebe und Leben, Liebe und Tod waren 
zwei seiner Lieblingsthemen, von denen er uns verschiedene Deutungen 
gegeben hat. In „Liebe und Leben" sehen wir, wie die Liebe als ein Schutz- 
engel mit ausgebreiteten Fittichen dem bangen, zaghaften Leben über den 
felsigen, steilen Pfad hinweghilft. Das Leben wird da als ein Mädchen dar- 
gestellt, das zaghaft auf die Steine tretend, sich voll Zuversicht der Führung 
der Liebe anvertraut. Jenes Mädchen ist sehr zart gestaltet, was man nicht 
gerade von allen nackten Gestalten Watts sagen kann. 
In dem großen Bilde „Liebe und Tod", im Besitz des Manchester 
Whitworth Instituts, steht der Tod vor einer halboffenen Türe, die er eben 
mit der einen Hand aufstoßen will. Seine mächtige Gestalt hat uns den 
Rücken zugekehrt und ist in ein graublaues Gewand gehüllt. Ihm den Weg 
versperrend steht die Liebe, ein halberwachsener Knabe, vor dem sich die 

	        

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