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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 11)

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hingearbeitet, wie leider nur zu häufig im kleinsten Wohnhaus unserer Tage. 
Das strenge Rechteck beherrscht den Grundriß, bedingt die Dachform und 
aus aller Lebendigkeit der Silhouette oder Flächengliederung spricht ein ein- 
facher und ruhiger Baukörper, der einer klaren und traditionellen Anlage ent- 
spricht. Im Innern ist ja auch dieser einfache Baugedanke vorwiegend - so 
mannigfaltig seine Durchführung auch variiert sein mag. Scherwände und 
Unterteilungen lassen sich dem Holzgerüst leicht und natürlich einfügen; 
wo das Durchgehen des großen Hallenraums es verlangt, kann auch die 
Zwischendecke unterbrochen werden und wo die Verringerung der Geschoß- 
höhen es erwünscht macht, kann eine leichte Decke eingeschoben werden. 
So gestattet das günstige Baumaterial und - das muß allerdings 
betont werden - der relative Mangel an ängstlichen und allzu hemmenden 
feuerpolizeilichen Vorschriften die Anpassung an alle Berufszweige des 
städtischen Lebens. Wie viel Geschmack und Empfindung spricht sich aber 
in der Art aus, wie diese einfachen Hilfsmittel verwendet werden. 
Zu den wichtigsten dekorativen Elementen zählt die Reihung, die 
Wiederholung gleichwertiger Bauglieder. Durch sie wird auch ohne jeden 
plastischen Schmuck, ohne jeden formalen Reichtum das Wechselspiel der 
Felderteilung großlinig umgrenzter Flächen zum Schmuck, immer ist eine 
charakteristische, einfache Teilung vorhanden, die von großem Verständnis 
für Flächenwirkung zeugt. Plastische Gliederung entsteht von selbst durch 
die dem Fachwerkbau eigene Vorkragung der Geschosse. Dieses teils aus 
dem streng konstruktiven Grunde einer günstigsten Ausnutzung der Trag- 
fähigkeit von Deckenbalken, teils dem Streben nach weitgehender Ver- 
wertung der Bodenfläche entsprungene Motiv trägt wesentlich zur lebendigen 
Wirkung bei, die dann im Dachgeschoß, im weit ausladenden Giebel oder 
in der vorkragenden Traufseite mit den großen gegiebelten Dachfenstern die 
höchste Steigerung erfährt. 
Allein durch Verschiedenartigkeit der Höhenlage und kleine Variationen 
der Detailbehandlung wird so ein prächtig abwechslungsreicher und doch 
einheitlicher Eindruck erzielt, den die selten geradlinige, meist leicht bewegte 
Straßenführung begünstigt. Steht dann, wie es so oft geschah, ein schlanker 
Tor- oder Rathausturm oder ein hoher Kirchenbau als Abschluß der Straße 
und point de vue im Gesichtsfeld, so empfinden wir den Geist der Zusammen- 
gehörigkeit, der selbst so verschieden geartete Organismen zusammen- 
schließt, besonders lebhaft. Dabei ist aber lokalen und traditionellen Varia- 
tionen formaler Natur Spielraum genug gelassen. 
Überblicken wir unser heutiges Abbildungsmaterial, so können wir die 
Variation des städtischen, bürgerlichen Fachwerkbaues durch mehrere 
weit auseinander liegende Gebiete und weit voneinander getrennte Zeit- 
räume verfolgen. _ 
Wir sehen an den drei berühmten deutschen Beispielen des „Knochen- 
hauer Amtshauses" in Hildesheim mit seiner noch mittelalterlich strengen, 
geradlinig konstruktiven Durchbildung, des „Kammerzellschen Hauses" in
	        

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