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Volltext: Monatszeitschrift VIII (1905 / Heft 11)

Seelenerregung und der Musik". Der Kentaur dagegen, der auch auf dem 
Tierbilde eines geschnittenen Steines im Berliner Museum erscheint," 
bringt die Beziehungen des Orpheus zu Dionysos zum Ausdruck, dessen 
Prophet er in Thrakien war. Die Kentauren sind Freunde der Musik, einer 
von ihnen, Chiron, war des Achilles Lehrer im Flötenspiel. Der bacchischen 
Naturmusik des Kentauren und des Satyrs ist die apollinische Kunstmusik 
des Orpheus entgegengesetzt. Manchmal bilden Pan, Satyre, Sylene und 
Nymphen die Zuhörer des Orpheus." Für die sonderbare Gruppe des 
Pferdes (?) und des Maultieres oder Esels am Opferaltar in der sechsten 
Reihe wage ich keine Erklärung. Man könnte an Persiflage denken, die ja 
dem I-Ieidentum der letzten Jahrhunderte nicht fremd war. 
Unter den anderen Tieren erregen das Nilpferd, das Nashorn und der 
Ichneumon Aufmerksamkeit, welche von den Römern zu Tierhetzen, in 
Zwinger, Menagerien etc. nach Europa gebracht wurden, dann aber wieder 
für Jahrhunderte aus unserem Erdteile verschwandenflw Die Anordnung in 
Reihen übereinander gestattete dem Modelleur möglichst viele Figuren 
anzubringen und dabei ohne wesentliche Änderungen die Formen zu ver- 
werten, die ihm von anderem Sigillataschmuck her geläufig waren. Diese 
Anordnung begegnet uns unter den übrigen Darstellungen dieses Gegen- 
standes nur noch bei dem der frühen Kaiserzeit entstammenden Mosaik von 
Perugiafy wo die Reihen aber nicht durch Terrainstreifen getrennt sind und 
ab und zu eine Figur aus der Ordnung herausfällt. Orpheus, ein nackter Jüng- 
ling, sitzt in der Mitte der beiden obersten Reihen, unter ihm ziehen sich 
noch drei geschlossene hin. Eine solche Anordnung war der altägyptischen, 
archaischen und etruskischen Kunst geläufig gewesen, von der späteren 
griechischen aber fallen gelassen worden. Mit der etwa 30 bis 50 n. Chr. 
von Alexandria ausgehenden Renaissance der altägyptischen Kunst kam 
auch sie wieder in Mode und entwickelte sich allmählich im Anschlusse an 
etruskische Vorbilder zu jenem Streifenstil, den man in der großen Plastik 
als Spiralband an der Trajans- und Markussäule, in wagrechter Folge aber 
am Bogen des Septimius Severus findet. 
In unserem Falle dürfte auch die Anlage des „lacus Orphei" für die 
Komposition vorbildlich gewesen seinri-l" Dieser war ein theaterförmiges 
Halbrund imit Stufen, auf deren Höhe die von Tieren umgebene Statue des 
"' Stephani, Compte rendu 188i, N0. r5. 
'"' Stephani 2. Bd. ; Knapp, Orpheus-Darstellungen S. 13 f. 
"H" Das erste lebende Nilpferd erschien in Rom 58 v. Chr. bei den Festen des Scaurus, das erste Rhinozeros 
drei ]ahre später bei denen des Pompeius. Nachher sah man diese Tiere im Zirkus häufiger. Im Mittelalter 
blieben sie dem Ahendlande unbekannt, erst 1513 betrat wieder ein Nashorn den Boden Europas als Geschenk 
an König Emanuel von Portugal, ein Ereignis, das durch Wort und Bild in allen Ländem verewigt wurde und 
auch Dürer veranlaßle, nach einer schlechten Originalzeichnung seinen Holzschnitt auszulllhren. Ein Nilpferd 
kam gar erst 1850 wieder nach Europa (Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms II, 392 u. a.). 
1' Fiorelli, Notizie de scavi 1877, T. n. Auch auf dem wohl gleichfalls von Alexandriern geschaßenen 
Wandgemälde in Pompeii ist Orpheus nackt, als griechischer Heros dargestellt. Den Tieren ist in Perugin die 
Gestalt eines kleinen, auf Orpheus zudiegenden Kindes beigegeben, als Repräsentant des Reiches der Dämonen, 
der Seelen Verstorbener. welches in den Mysterien eine große Rolle spielt. 
1-1 Richter, Topographie von Rom. S 83.
	        

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