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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 1)

 
unmöglich als eine sach- 
und zielbewußte Aktion 
zu Gunsten der Haus- 
industrie gelten. 
Nicht als eine Arbeits- 
maschine hat uns der 
volkstümliche Arbeiter zu 
erscheinen, in dessenGeist 
wir nur die von uns ein- 
gelegten Walzen spielen 
lassen; wir haben ihn viel 
mehr als Künstler zu neh- 
men, auf dem seine Arbeit 
wächst wie die Frucht auf 
einem Baum. Wirkliche 
Volkskunst und Haus- Haarkamm aus Bein, mit farbiger Zinnfolie, Alt-Sterzinger Arbeit 
industrie, die neben ihrem (lm- a") 
inneren Wert in der Tat stets auch ihren äußeren Wert behalten wird, ist 
solch selbst gewachsene Frucht. Und vielleicht steht der Baum der Volks- 
kunst nun auch deswegen so herbstlich kahl und entblättert vor uns, weil 
wir in allzu großer Begier alle volkskünstlerischen Produkte ihrem Erzeuger, 
dem Volke, selbst weggenommen haben. Die Ausräuberei, welche Sammelwut 
der Liebhaber, der Museen und der beruflichen Händler förmlich systematisch 
bewerkstelligten, so daß das Volk, das diese Dinge hervorgebracht, nun 
selbst bettelarm an ihnen geworden ist; die heuchlerische Mißachtung, welche 
man diesen Arbeiten vor dem Volke selbst bezeugt hat, um die heimlich 
sehr geschätzten und begehrten Dinge nur ja gewiß und noch 
dazu zu einem Schleuderpreise sich in die Hand zu spielen: 
diese ganze sehr fragwürdige und oft genug schmähliche Hal- 
tung, welche die „Kultur", welche die oberen Stände dem Land- 
volke gegenüber in Dingen des bäuerlichen Kunstbesitzes sich 
zu schulden kommen ließen, ist neben den schon vorhin ange- 
führten Faktoren zum nicht geringen Teil für die gegenwärtige 
Sterilität der Volkskunst verantwortlich zu machen. 
Wie soll ein Fruchtfeld wieder blühen und Ernten tragen, 
dem man alle seine Frucht genommen und nichts zur Wieder- 
besamung übrig gelassen hat, obendrein sein Erdreich mit der 
Lauge des Hohns übergießend und verwüstend? Wenn der 
Faden zwischen Einst und Jetzt im ländlichen Handwerk und 
der Volkskunst so gründlich abgerissen ist - kann es wunder- 
nehmen, wenn man dem Landvolk sein eigenes Heim verelendet 
Haarnadel aus und ausgeplündert, seine künstlerische Umgebung, wie sie 
wgoldmm süß" organisch mit seiner eigenen Arbeit und Existenz heranwuchs, 
 gewinnsüchtig zerstört hat? Wer begreift nicht, daß unter 

	        

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