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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 1)

INCENT VAN GOGH. In der Galerie Miethke sieht man 45 Bilder van Goghs, 
einer der größten tragischen Naturen der jüngsten Malerei. Er ist den Wienern 
schon in der Sezession bekannt geworden, als sie die Nach-Impressionisten ausstellte, 
jetzt aber sieht man ihm noch deutlicher ins Nervengefüge. Es ist ein irrer Garten voll 
Farben, die von tätlich duftenden Blumen zu kommen scheinen. Van Gogh verbrachte 
sein letztes ]ahr in Auvers-sur-Oise bei dem kunstfreundlichen Arzte Gachet und erschoß 
sich dort 1890. Es ist die nämliche Gegend, aus der unser jettel seine friedsamsten, 
blassesten ldyllen holte. Van Gogh konnte dort das Leben nicht mehr aushalten, ihn 
grinste aus jeder Scholle der Tod an. Denn er hatte ihn in sich, so lange er lebte, schon 
als Kaufmann, Schullehrer, protestantischer Theologe und Bibelausleger der Kohlenarbeiter 
im Borinage. Das waren seine Lebensstationen. Wie Meunier ward auch er im schwarzen 
Steinkohlengebiet zum Künstler. Dort erschien diesen Künstlern alles als Schicksal, als 
schweres, schwarzes Menschenlos. Van Gogh sah in jeder Gestalt das Totengerippe, das 
in ihr steckt. Den Keim dieses Skeletts sah er schon in der Scholle, woraus Adam geschaffen 
wurde. Er war so geboren und konnte nicht anders. So blieb er auch in Arles, wo er 
später zwei Jahre wohnte und malte. Ein Rundblick unter seinen Malereien ist schauerlich. 
Eine fiebernde Hand folgt einem fxebernden Gehirn. Linien schlottern vor Angst, Farben 
sieden wie höllisches Pech. Die ganze Natur ist in einer vibrierenden Bewegung wie bei 
einem Erdbeben. Und dabei ist alles große malerische Empfindung und Anschauung, und 
dekorativ und ornamental zugleich. Als wäre der fürchterliche Ernst dieser Dinge nur ein 
harmloses Spiel der Natur, in ihren tötlichen (denn sie ist immer tätlich), in ihren 
mörderischen Tändelstunden. Die Bilder van Goghs sind für jeden Kunstfreund eine 
ergreifende Erfahrung, die ihn lehrt, die Kunst nicht leicht zu nehmen. 
Diese Ausstellung findet in dem neuen Lokal der Galerie Miethke (Graben 17) statt, 
das vor Weihnachten mit einer interessanten Ausstellung der „Wiener Werkstätten" 
eröffnet wurde. Hoffmann und Moser, denen sich Czeschka und andere jüngere Schalfer 
anschlossen. Eine durchaus systematische Kunst, ein Stil, kann man sagen, der sich 
nachgerade des ganzen Lebens bemächtigt, von der l-Ioffmannschen Villa Stoclet in 
Brüssel bis zur Hutnadel und der Pappschachtel aus getunktem Buntpapier hinab. In 
dieser Ausstellung befand sich auch eine Reihe von Bildern Karl Anton Reichels, der von 
dem wackeren Stifter des Reichel-Preises herstammt. Der junge Maler, der von Haus aus 
.Mediziner, ist an der Hand der indischen Mystik Okkultist geworden, aber ohne das 
Malerische einzubüßen. Seine Frauenbilder können anmuten wie heimliche Madonnen, 
wozu ein archaisches Element, wie aus der altkölnischen Schule her, nicht wenig beiträgt. 
An einem Gebirgssee, in felsiger Öde, wandelt ein Mann in Schwarz, hoch und hager, die 
Personiiikation des in sich gekehrten Schweigens. Das hätte der Dichter des Zarathustra 
sehen sollen. Wenige Linien, wenige Töne, alles durchaus Stil, knappste Fassung des 
malerischen Gedankens. Und ein transzendentaler Inhalt, der auf der Hand liegt, ohne 
daß ihn eine Zunge aussprechen kann. Das ist die Symbolik Reichels. Selbst in seinen 
meisterhaften, winzigen Miniaturen erschimmert ein Funke dieses Geistes. 
In dem alten Miethkeschen Lokal (Dorotheergasse n) ist noch eine Ausstellung von 
Bildern des Freiherrn H. v. Habermann zu erwähnen. Er ist jetzt das Haupt der Münchener 
Sezession, die man ihm aber nicht ansieht. Er besteht vielmehr aus Lenbach-Stuckschen 
Anklängen und trüben Galerieeindrücken. Alles geht auf die nämliche, seit ]ahren 
stereotype bacchantische Geberde zurück, ein ewiges, unveränclerliches Furioso dicker, 
branstiger Töne. Diese Ausstellung ist ein Irrtum. 
ICHAEL RIESER. Am 9. November rgo5 starb in Wien, 77 Jahre alt und fast 
verschollen, dieser trefiliche Historien- und Porträtmaler aus früherer Zeit, der 
auch in unseren modischen Zeitläuften seine Zeile des Nachrufs verdient. Er war 1828 in 
Schlitters (Tirol) geboren und lernte anfangs in Danzig, wo sein Oheim als Kaufmann 
etabliert war, die Handlung. Allein die dortige Kunstschule war ein stärkerer Magnet, er
	        

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