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Objekt: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 153)

Johann Muschik 
ln_ Kassel: 
Die qdocumenta der 
Medien" 
t 1955 gibt es die Kasseler documenta. eine 
oßausstellung, die alle vier bis fünf Jahre 
ttfindet. Träger des Unternehmens ist die 
:umenta GmbH. Gesellschafter sind das Land 
ssen und die Stadt Kassel. Der Aufsichtsrat, 
' aus Vertretern der Stadt und des Landes, 
'unter auch Museumsdirektoren, besteht, nomi- 
rt den ieweiligen documenta-Rat. Dieser setzt 
1 grundsätzlich allein aus Fachleuten, Kunst- 
lorikern, Kunstkritikern, Ausstellungsmachern, 
seums- und Kunsthallenleitern(-kustoden) zu- 
nmen. Künstlerisch verfährt das Unternehmen 
wechselndem Konzept. Anders als die Bien- 
e von Venedig, zu der iedes Land nach 
enem Gutdünken Repräsentanten entsendet, 
Jeutet die Schau von Kassel auch nicht die 
IF eines Wettstreites der Nationen; sondern 
documenta-Rat wählt nach seinem Ge- 
mack und gemäß der ieweils erkorenen The- 
tik aus. Nationalität ist kein Kriterium. 
l erste Veranstaltung des von dem Kasseler 
ifessor Arnold Bade proiektierten, begründe- 
und von ihm lange Zeit, wenigstens or- 
iisatorisch, unmittelbar auch geleiteten Un- 
iehmens galt den Klassikern der Moderne. 
em Nachholbedarf war zu entsprechen. Die 
ztung Europas fürs erste wurde herausgestellt, 
amerikanische Entwicklung gerade noch an- 
nerkt. 
s änderte sich bei der documenta 2 vom 
re 1959. lhre Devise hieß „Weltkunst". Der 
istieg New Yorks zur Kunstmetropole neben 
von Paris hatte sich praktisch schon voll- 
ien. Auf der Darstellung des in einem hohen 
ße ia amerikanischen Abstrakten Expres- 
tismus lag der Hauptakzent. Die Präsentation 
ßer Surrealisten, wie Paul Delvaux, Rene Ma- 
te, Max Ernst u. a., bildete den Gegenpol. 
' 3. Documenta (1964), iener, die bereits eine 
ucherzahl von 200.000 erreichte, ging es 
die Rolle der Persönlichkeit. „Kunst ist das, 
s bedeutende Künstler machen", hieß es im 
alogvorwort. Wieder wurde die Aufmerksam- 
' auf Amerikaner gelenkt. Haupthelden waren 
kson Pallack, Sam Francis, David Smith. Der 
itsche E. W. Noy erhielt eine Würdigung, 
bei der zweiten Kasseler Großveranstaltung 
t Landsmann Wols. Eine umfassende und 
onders schöne Präsentation zeitgenössischer 
tdzeichnungen kam bei der dritten hinzu. 
istlerischer Leiter der documenta 1 bis 3 war 
rner Haftmann. 
entscheidende Gestalt im Rat der 4. docu- 
ita (1968) wurde der Holländer Jean Leering. 
tat alles, um das schon seit geraumer Zeit 
ksame „Avantgarde"- und „Novitäten"-Prin- 
auf die Spitze zu treiben. So wollte er 
trhaupt nur mehr Werke der letzten vier 
re zulassen. Das bedeutete Entwicklungen seit 
1 Durchbruch des amerikanischen Pop auf der 
tnale van Venedig 1964. Damals und dort er- 
t Robert Rauschenberg seinen großen Ma- 
ireis, den gleichen, der einst Henri Matisse 
Georges Braque zuerkannt worden war. 
is schien nun endgütlig geschlagen. 
ler dem neueren künstlerischen Geschehen 
dem Felde der englischen und amerikani- 
an Pop-art stellte Leering Op-art zur Schau, 
a ebenfalls „aktuelle" Entwicklung. Neben 
am Riesenaufgebot von Rechteckmalerei aus 
Bauhaus- und Mondrian-Tradition wurden 
ferner die (wie Pop-art) um und vor 1960 
in Opposition zum Abstrakten Expressionismus 
entstandenen amerikanischen Richtungen Mini- 
mal-art und Post-Painterly-Abstraction- (oder 
Colourfield-)Malerei vorgestellt. 
Insbesondere der zweiten, der monochrom- 
ungegenständlichen Richtung, schien Leerings 
Herz zu gehören. in einem eigenen Katalogbei- 
trag charakterisierte er diese Malerei vornehm- 
lich aus den sechziger Jahren als eine, der „das- 
ienige, was sich innerhalb des Bildrahmens voll- 
zieht, weitaus wichtiger (ist), als was sich jenseits 
dessen in der Umwelt abspielt... Die bisherige 
Unterscheidung zwischen Form und lnhalt hat 
nunmehr ihre Gültigkeit verloren; die Form, in 
der die Probleme gestellt und gelöst werden, 
bestimmt den lnhalt, (a ist der lnhalt des Kunst- 
Werkes" (Leering in: Katalog der 4. documenta, 
1968, Band 1, Seite XVll und XIX). 
Damit ist man ziemlich genau bei iener „Male- 
rei die sich selber malt", einer „Malerei als The- 
ma der Malerei" angelangt, iener „analytischen" 
Alle Aufnahmen zu diesem Essay über die Kasseler 
documenta 1977 verdankt der Autor dem Kunstkriti- 
ker E. Melchart, Wien. 
1 Ulrike Rosenbach, Herakles (aus der Serie „Die 
Vorbilder der Mannsbilder"), 1977 
2 Hans Hollein vor seinem „Wagen", 1972 
3 Don Patts, Das Grund-Fahrgestell, 1970-1972 
 
oder „geplanten", deren Repräsentanten der 
Kunstkritiker Klaus Honnet, Mitglied des Rats 
der 6. documenta und einer der Katalogeinbe- 
gleiter, als die „bedeutendste Gruppe zeitgenös- 
sischer Maler" - d. i. in seinem Zusammenhang 
jener der siebziger Jahre - bezeichnet (Honnef 
im Katalog der 6. documenta, Kassel 1977, Band 
1, Seite 45 f.). Auch mit einigen eindrucksvollen 
Environments ging Leerings 4. documenta ie- 
nen der 5. und 6. voraus. 
Von Kunst, die sich selber genügt, wollte der 
Schweizer Harald Szeemann, Leiter der docu- 
menta 5, nichts wissen. Im Gegenteil, gerade die 
Beziehung zwischen Kunst und Wirklichkeit in- 
teressierte ihn. Er nannte seine Schau „Befra- 
gung der Realität - Bildwelten heute", wobei er 
unter Realität „alle uns umgebenden Bilder, 
künstlerische wie unkünstlerische", verstanden 
wissen wollte. Infolgedessen präsentierte er pra- 
grammatisch auch Kitsch, „Trivialkunst", religiöse 
Volkskunst, Kunst der Geisteskranken, Science 
fiction, Comic strips, kommerzielle Werbung, po- 
litische Propaganda u. a. Durchschlogend war 
der Erfolg des amerikanischen Hyper-, Super- 
oder Fotorealismus. 
Durch diese Ausstellung eigentlich ershfand- 
er seinen Eingang in die Länder Europas. Das 
verhinderte nicht, daß der Fotorealismus auf der 
neuesten, der 6. documenta, die ihr dynamischer 
Leiter Manfred Schneckenburger, einstmals Chef 
der Kölner Kunsthalle, die „documenta der Medi- 
en" nennt, nur mehr mit einem einzigen Bild 
erscheint, einem ganz vorzüglich gemalten Rie- 
senporträt van der Hand des Amerikaners Chuck 
Close. Tüchtige malerische Talente sind auch 
die DDR-Repräsentanten. Ihrem Temperament, 
ihrem Vortrag nach wären Bernhard Heisig 
und Willi Sitte etwa zwischen Lovis Corinth und 
Oskar Kokoschka (oder auch unserem Fritz 
Martinz) einzustufen. Von der Neuen Sachlich- 
keit, fest und solid, geht Wolfgang Mattheuer 
aus, zu dessen Eigenart Ironie und ein Zug ins 
Paradox-Groteske auch bei Behandlung ernster 
ideologischer, „sozialistischer" Themen gehören. 
Werner Tübke, ein virtuoser Manierist, der in vie- 
len Sötteln gerecht ist, kann an unseren Ernst 
Fuchs gemahnen, wobei er freilich ohne dessen 
Vorliebe fürs Mystisch-Religiöse bleibt. Prominen- 
tester DDR-Bildhauer ist der von seiner Wiener 
Schaffenszeit her bekannte Fritz Cremer. Seinen 
„Aufsteigenden" hat er dem Befreiungskampf 
der Völker gewidmet. Einen ganz unideologisch 
gemeinten „Ringkampf" zweier nackter Männer 
in heftiger Bewegung steuert Ja Jastram, der 
nächste in der Reihenfolge der DDR-Prominenz, 
bei. 
Eine ganz eigenartige, teils knieende, teils lie- 
gende, teils hockende Figurengruppe, grau in 
grau, in Wachs geformt und in Originalbeklei- 
dung gesteckt, stammt von dem Engländer John 
Davies (Abb. 12). Vitalität ist nicht ihr Thema. 
Mehr an Realistischem oder Figurativem hat 
diese Ausstellung nicht zu bieten, sieht man 
von dem allerdings überhaupt besten Bild der 
documenta ab - dem expressionistisch-surreali- 
stischen „Triptychon" Francis Bacons, einer Dar- 
stellung des Schmerzes, der Selbstvivisektion, der 
Verlorenheit an nicht zu bewältigende trieb- 
hafte Kräfte; einem malerischen Ensemble, das 
durch seine Pranke, seine unerhörte Aufrichtig- 
keit hinreißt. 
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