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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 2)

Programm zu vervollständigen. Kuehl hat 
das topographische Element der Vedute 
durch modernes Farbenempfinden nicht 
wenig belebt. Er hat gezeigt, daß selbst 
ein Stadtplan Natur ist und die Geometrie 
ein Leben in Licht und Schatten lebt. 
Damit ist zur ästhetischen Genießbarkeit 
unserer Wohnorte nicht wenig beigetra- 
gen. Zwei Dresdener Ansichten in der 
Ausstellung sind vollgültige Beweisstücke. 
Das eine, mit einer blauen Elbe und dem 
ersten Laternenschein in der Dämmerung 
(auch eine „blaue Stunde"), das andere 
(„Blick auf die Neustadt") mit hellen 
Schneestreifen, dem dunklen Wasserstrei- 
fen entlang, und hinten einem saftig, Heck- 
weise hingesetzten Häusergewirr ein Bild 
von studienhafter Energie. Aber auch für 
unser Wohnhaus hat uns Kuehl die Augen 
geschärft. Wir sehen durch ihn unser 
eigenes Milieu farbiger, gestimmten Das 
ist ihm in seinem eigenen Hause aufge- 
gangen. [n seingm weißen vorzinjfnef mig Aus den Villacber Fachkursen 1905. St. Georg von 
dem (nachgerade berühmt gewordenen) Johann Raszka (Kurs Professor Breitner) 
grünen Koifer hinten, den ein einfallendes Licht illuminiert; und in seinem gelben Salon, 
über dem die purpurnen Umhänge der Lampe leuchten; und in noch anders gefärbten 
Zimmern, mit reizvollen Einblicken aus einer Farbe in die andere. Unser Leben ist nicht 
so schönheitsarm, als uns früher eingeredet worden, und wer uns dies zeigt, hat unser Dasein 
bereichert. Einige Bilder Kuehls sind aus Überlingen geholt. Aus dem alten Dorn zum 
Beispiel. Auch wie Kuehl das Innere solcher Kirchen betrachtet, ist neu; war neu vielmehr, 
denn andere machen es ihm längst nach. Wie er die Säulen gruppiert, sich Durchblicke 
schafft, überhaupt den Raum gestaltet und mit Staffage aufputzt und die farbigen Fenster 
zur Geltung bringt. Er ist überhaupt ein Interieurkünstler von eigener Pikanterie. Man merkt 
es schon, wenn er bloß ein schlichtes Studienblatt in Kreide oder Bleistift zeichnet. Eine 
„Diele" etwa in einem alten Hause, als Vorarbeit für ein Gemälde. (Man kann in der Aus- 
stellung wiederholt Studie und Bild vergleichen.) In aller Einfachheit läßt er da die Stoff- 
lichkeit von Brett und Balken deutlich werden, das Zimmerxnannswesen an dem Gefüge, das 
Gewordensein des Raumes. Mit einem Nichts bringt er Täuschungen der Luftperspektive 
hervor, zum Beispiel wie im Hintergrund eine Treppe abfällt, deren oberste Stufe man bloß 
sieht. Diese Zeichnungen sind mitunter Kabinettstücke. Die zweite hervorragende Erschei- 
nung Dresdens ist Oskar Zwintscher, dermalen auch schon Professor. Dieser junge Moderne, 
der als Unmittelbarer bis ans Messer, tonwahr bis zurRuppigkeit, begann, ist zu unserer Über- 
raschung beim Stil angelangt. Bei einer neuen Altmeisterlichkeit sogar, wie sie manchen 
Ehrlichen überkommen hat (Thema! den Landschafter Haiderl), ohne daß sie dadurch 
Galeriekopisten geworden wären. In seinen lebensgroßen Bildnissen hat sich eine groß- 
geschwungene Linie festgesetzt, eine Art Typik, bei fast naiver Aufrichtigkeit der Farbe. 
Das Ensemble bekommt etwas so ungefähr Archaisches. Auch das Arrangement trägt 
dazu bei, zum Beispiel wenn er seine junge Frau gleichsam thronend darstellt, von einem 
stilisierten Flor blühender Gartengewächse umgeben, in feierlichem Linienzug und einst 
für unzuläßig erachteten Zusammenstellungen von Hellblau, Dunkelviolett, Blattgrün und 
dergleichen Pigmenten. Wenn er sich mit solchen Augen an einen männlichen Kopf (Sascha 
Schneider) macht, entsteht eine mächtig komprimierte Formel von Mensch, die sich ohne- 

	        

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