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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

Steinmetz und kleine Bildhauer vor den Fried- 
hofstoren zum Händler, der sich ein paar Ar- 
beiter hält, gerade gut genug, die Namen in 
die Steine zu hauen und ein paar Granitblöcke 
durch Einschneiden von unregelmäßigen Rillen 
herzurichten. Unter Mitverschulden des Granits, 
dessen Härte eine künstlerische Behandlung 
äußerst schwierig macht, verschwinden bis auf 
wenige Reste alle Stilelemente aus den Fried- 
höfen. Was man sieht, sind kindische Versuche 
von künstlerischen Wilden oder Primitiven auf 
der ersten Stufe, den Stein zu schmücken. An 
Stelle der schön kannelierten abgebrochenen 
Säule auf zierlichem Postament tritt ein schwarz- 
glänzendes Ofenrohr mit knallgoldener Inschrift, 
das auf einem Pseudomauerwerk thront. Anstatt 
der drehrunden Säule kann auch ein auf die 
mathematische Form reduziertes Kreuz darauf 
sitzen oder ein viereckiger Obelisk. Kurz, anstatt dem Stein Form zu geben, 
poliert man, das kostet keinerlei Phantasie oder Nachdenken und bringt 
mehr ein, versetzt auch den Besteller sofort in die Lage, einen seinen Mitteln 
entsprechenden Aufwand zu machen. 
Ich kann Ihnen die Abbildung eines Steines zeigen, der unpoliert 
150 Mark kostet, poliert aber 550, jede Seite Schliff IOO Mark. Dafür sieht 
dann freilich solch ein Friedhof aus, als ob die ganze Gesellschaft gestern 
begraben worden wäre. Niemals nimmt solch Monument etwas wie 
mildernde Patina an, seine ewig messerscharfen Kanten zerreißen die 
weichen Linien der umgebenden Natur, in der es stets ein Fremdkörper 
bleibt. Und dafür gibt man 4-800 und mehr Mark aus! Welch ein Schatz 
künstlerischer Form wäre mit diesem Gelde zu beschaffen gewesen! Schon 
für die 400 Mark hätte man ein Bronzerelief vornehrnster Art erwerben 
können." 
Unsere heimischen Marmore, namentlich der Laaser, sind nicht minder 
wetterbeständig, als der schwedische Granit und dabei künstlerisch leicht zu 
bearbeiten, namentlich der Muschelkalk. Nur die italienischen Marmore 
vertragen unser Klima nicht. Aber nicht nur die Grabskulptur leidet unter 
diesem barbarischen Prunken mit fremdem, angeblich kostbarem Material. 
Auch in der Möbelindustrie opfert man seltenen echtfarbigen, ja auch blos 
geheizten Hölzern jede künstlerische Bearbeitung, baut einen Kasten ohne 
Gesims, ohne Leisten, ohne alle Profile in brutaler Nüchternheit auf und 
besetzt ihn in der vollen Breite mit übernatürlich großen, in phantastischen 
Formen ausgesägten Messingbändern. Man muß weit zurückgehen in der 
Geschichte des Kunsthandwerks, bis man auf verwandte „künstlerische 
Wilde" stößt, bis in die Zeit der Völkerwanderung, die auch das „kostbare 
 
A. Nissel, Grabstälte Ralf, Berlin
	        

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