MAK

Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

Material durch sich 
selbst wirken lassen 
wollte". Wir wissen, 
daß mit solchen An- 
schauungen der antiken, 
der byzantinischen und 
der Kunst der deutschen 
Goldschmiede ein Ende 
gemacht worden ist. 
Nicht viel besser als 
der Nihilismus tritt in 
der Grabplastik wie in 
der Möbelindustrie der 
„jugendstiWaufGleiche 
Ursachen haben hier 
gleiche Wirkungen. In 
beiden Gebieten liegt 
das Massengeschäft in 
den Händen von Kauf- 
leuten, die ein großes 
Warenlager und einen 
kleinen Musterzeichner 
halten. Dieser ist aus 
irgend einer Gewerbe- 
schule hervorgegangen, 
nennt sich „Architek " und wird durch einige Fachblätter stets auf dem 
Laufenden gehalten. Er erfährt aus ihnen die Mode von morgen und weiß 
das Eigenartigste, das Aparteste durch noch kühneren Linienschwung zu 
überbieten. „Nur ja nicht kopieren, selbständig schaffen!" gilt ja heute, die 
Selbständigkeit und Originalität geht über Schönheit und Zweckmäßigkeit. 
Die Entwürfe solcher unreifer Jünglinge werden nicht nur im eigenen 
Geschäft ausgeführt, sondern auch in Zeitschriften und Sammelmappen ver- 
öffentlicht. Die Kleinmeister und Maitres dessinateurs drehen sich vor 
Schreck über solche Nachfolger im Grabe um. Gerade auf dem Gebiet der 
Friedhofskulptur sind in den letztenjahren einige Sammlungen von Entwürfen 
erschienen, bei deren Durchblättern man in Zweifel darüber gerät, ob man 
mehr die Geschmacksroheit oder die Dreistigkeit junger Leute bedauern soll, 
unter dem Deckmantel des Neuen den Anlauf zum selbständigen Schaffen in 
unserer Kunstindustrie in Verruf zu bringen. Die bald komischen, bald 
brutalen Formen der Grabplatten, Säulen, Kreuze und Phantasie-Bau- 
werke erhalten eine konfus verschnörkelte, kaum leserliche Schrift, in 
welcher ohne Not massenhaft Ligaturen und Einschachtelungen auftreten, 
die schwieriger aufzulösen sind, als solche in mönchischen Manuskripten. 
Das Gefühl für den ornamentalen Charakter der Schrift, welcher in den 
 
F. Hausmann, Grabstätte 
22
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.