MAK

Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

mexikanischen Friedhof noch 
geistreich erscheinen, das sich 
in Form eines Schiffes mit 
gewaltigem Segel in mehreren 
Stockwerken hoch in die Lüfte 
aufbaut. Eine ähnliche Sil- 
houette gibt ein Grabmal 
Brancas auf dem Friedhof in 
Mailand, Welches in einer 
Reihe steigender, lose zu- 
sammenhängender Gestalten 
die Auferstehung versinnlicht. 
Eine Figur scheint nach der 
anderen jagd zu machen, wo- 
bei natürlich die am leichtes- 
ten gekleideten denVorsprung 
gewinnen. Die aus Wolken 
aufgebauten Pestsäulen des 
Rokoko sind in diesem bizar- 
ren Werke noch weit über- 
boten. Überhaupt macht sich 
würdelose Effekthascherei 
nirgends so breit wie in mo- 
dernen italienischen Friedhöfen. Man will mit originellen Einfällen und tech- 
nischem Geschick prunken und verliert ganz das Gefühl für die Heiligkeit des 
Ortes. Kindische Seiltänzereien wechseln mit plattestem Naturalismus, die 
religiösen Formen werden zur Schablone, die mitunter hart an Blasphemie 
grenzt, wenn man zum Beispiel Gott Vater auf einem Sarg sitzen und mit den 
Füßen in der Luft baumeln läßt, daneben auf einem marmornen Papierblatt das 
Bildnis des Verstorbenen in Hochrelief anbringt. Auch bei uns wimmelt es von 
Grabmälern, welche mehr den Überlebenden als dem Toten zu Ehren 
gesetzt scheinen. Aus der allegorischen Gestalt der Trauer, welche das Bild 
des Verstorbenen mit Blumen schmückt, an dessen Grabe betet oder in 
wehmütiges Sinnen verloren dasteht, wird die trauernde Witwe, aus den 
Engeln die hinterbliebenen Kinder. Neben wirklich feiner Empfindung findet 
sich hier noch mehr fade Süßlichkeit und Koketterie mit dem Schmerze. 
je leidenschaftlicher und heftiger dessen Ausdruck, desto unwahrer wirkt 
er, denn heftiger Schmerz ist eine vorübergehende Erscheinung. Ihm folgt 
auf ganz natürlichem Wege Resignation, stilles wehmütiges Gedenken. Ein 
Kunstwerk, welches fürjahrhunderte wirken soll, darf nur dieses letztere, den 
dauernden Zustand, ausdrücken, sonst überlebt es sich selbst. 
Neben den das Andenken des Toten ehrenden, seinen Verlust betrau- 
ernden Allegorien sind die Hinweise auf ein Wiedersehen, auf eine Wieder- 
auferstehung und andere, mit dem Glauben an die Unsterblichkeit verbundene 
 
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VIII. Ausstellung der Arts and Crafts Society, London. Bronze- 
büstchen von R. Garbe 
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