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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

heute bannt uns die stille Poesie attischer Gräberstraßen, 
noch heute erfüllt uns die in Trümmern liegende Pracht 
der Via Appia mit Staunen und Schauer zugleich. Selbst 
die kunstlose Anlage der Katakombengräber wirkt groß und 
erhaben durch den einheitlichen Zug, welcher durch diese 
geheimen, vom Blute der Märtyrer geweihten Zufluchtsorte 
der Lebenden und Toten geht. Arcosolium und Columba- 
rium blieben für alle Zeiten bei Errichtung von Massen- 
gräbern mustergültig, mancher Campo Santo Italiens enthält 
in seinen Laubengängen Nachbildungen der altchristlichen 
Anlagen. 
Im frühen Mittelalter überließ man, germanischen Über- 
lieferungen entsprechend, den Schmuck der Gräber der Natur. 
Sie tat das meiste, um die Friedhöfe, welche man um die 
Kirche herum anlegte, zu stillen Stätten des Friedens zu 
machen. Solange die Kirchen zumeist auf Anhöhen errichtet 
wurden, sorgte schon das hügelige Gelände für Mannig- 
faltigkeit und landschaftliche Stimmung. Später mußte man 
sich nach dem Raume richten, welchen die anwachsenden vnllntujzigläzäsd" 
Ortschaften frei ließen und da man auch Straßen und Märkte sgeiexy. London. 
nicht nach Winkelmaß und Richtscheit anlegte, blieben 3:32:12: 
so noch der traulichen Plätze im Grünen, der krum- Bernard Cuzner, 
men und winkeligen Pfade genug. Selbst von den Gräbern  
unserer Urgroßeltern weht noch ein Hauch der Roman- 
tik, sanft elegischer Stimmung zu uns herüber. Erst als unsere Stadt- 
erweiterungen mit ihren rechtwinkligen Parzellierungen, der peinlichen 
Ausnützung jedes Fleckchens Erde einsetzten, kam der i-iskalische Geist auch 
über die Ruhestätten der Toten. Auch sie wurden womöglich in der Ebene 
rechtwinkelig begrenzt, von scharf linierten Kreuz- und Querwegen durch- 
schnitten, die Gräber dicht, ohne jeden Zwischenraum nebeneinander 
gesetzt, mit Mauern und Gittern abgesperrt wie Gefängniszellen. Manchmal 
hilft Mutter Natur ein wenig nach, vereint die feindlich voneinander ge- 
trennten Brüder, deckt die Kerkergitter ein wenig zu und mildert das augen- 
blendende Weiß kalten Marmors. Es gibt Friedhöfe, deren Einförmigkeit 
durch schöne Fernblicke in die Umgebung unterbrochen wird, in welchen 
alte, weitverästelte Bäume und andere Überreste von Vegetation Ruhepunkte 
schaffen, solche, die sich im Schatten eines Waldes ausbreiten und andere, 
die einen Abhang mit Buschwerk und Hügeln hinabklettem. Aber wie selten 
sind sie, besonders in größeren Städten, im Vergleich zu den geist- und 
gefühllosen Schöpfungen moderner Ingenieure, welche in unserem Kultur- 
leben nur den kühlen Verstand gelten lassen wollten und die zweite Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts nach Schulze-Naunburgs Wort zum „Zeitalter der 
I-Iäßlichkeit" gemacht haben! Wir fliehen den Ort förmlich, an dem unsere 
Toten ruhen, in dessen eintönigen Gängen uns Ermüdung, Uberdruß und 

	        

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