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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

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DIE SKULPTUR IM KULTUS DER TOTEN S0 
VON ANTON KISA Sh 
Des Glaubens Bilder sind unendlich umzudeuten, 
Das macht so brauchbar sie bei so verschiedhen Leuten. 
N diese Weisheit des Brahmanen wird man 
wohl nirgends so lebhaft erinnert, als bei einem 
Gange durch einen modernen Friedhof. Wo 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
ä   man die feinsten individuellen Äußerungen der 
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"" Qw-Räg, a! . äß Pietat erwarten sollte, Endet man Marktware, 
Mief Il- t , i" die von Industriellen in roßen Warenla ern 
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feilgehalten wird. Den Grad der Pietät kann 
man häufig nach der Härte des Materials und 
der Glätte der Politur bemessen. Der Steinmetz 
hat den Bildhauer aus dem Felde geschlagen, 
kunstlos aus schwedischem Granit geschnittene Platten und Kreuze reihen sich 
aneinander, schmucklos, höchstens mit einem Rosenkranz, einem Lorbeer- 
zweige aus Marmor belegt und mit einer goldenen Inschrift protzend. Nach 
tausendjähriger Kulturentwicklung sind wir, wie Dr. v. Grolmann," der eifrige 
Vorkämpfer für die Wiedererweckung einer künstlerischen Grabplastik, 
tretTend bemerkt, hier zu einem künstlerischen Analphabetismus, einer 
völligen Unkunst gekommen, die um so peinlicher berührt, als sie nicht etwa 
mit Sparsamkeit zusammenhängt, sondern vielmehr recht kostspielig ist. 
Es ist weit schlimmer geworden als in den ersten Jahrzehnten des vorigen 
Jahrhunderts, da Goethe seine lieben Landsleute bei ihrer Neigung, Freunden 
und besonders Abgeschiedenen Denkmäler zu setzen, nicht auf dem richtigen 
Wege sah. „Leider",klagt er, „haben sich unsere Monumente an die Garten- 
und Landschaftsliebhaberei angeschlossen und da sehen wir denn ab- 
gestumpfte Säulen, Vasen, Altäre, Obelisken und was dergleichen bildlose 
allgemeine Formen sind, die jeder Liebhaber erfinden und jeder Steinhauer 
ausführen kann. Das beste Monument des Menschen aber ist der Mensch. 
Eine gute Büste in Marmor ist mehr wert, als alles architektonische, was 
man jemand zu Ehren und Andenken aufstellen kann." Wir aber müssen 
selbst das Empire um sein feines Gefühl, seinen Formenreichtum beneiden 
und machen ihm durchaus keinen Vorwurf daraus, daß es landschaftliche 
und künstliche Bildungen so sinnig zu verbinden wußte. Goethes Stoß- 
seufzer über das Vorherrschen des Architektenwesens auf allen Gebieten 
der Kunst findet aber bei uns ein verständnisvolles Echo. 
Es ist sehr zu verwundern, daß die künstlerische Bewegung unserer 
Zeit so lange zögerte, die Schwelle der Friedhofspforte zu überschreiten, da 
sie ja aus der historischen hervorging. Die kunstgeschichtliche Forschung 
hatte gerade hinter ihr ein lebendiges Museum der Architektur, Plastik und 
  
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" Dr. v. Grolmmn hat vor kurzem in der Gesellschaft für bildende Kunst in Wiesbaden eine 
Ausstellung zur Hebung der Friedhofs- und Grabmalkunst veranstaltet, welche auch in anderen Städten gezeigt 
werden soll. 
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