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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

-- Kleinkunst verschiedener Stilformen vor- 
gefunden, das um so interessanter war, als 
es nicht die Höhepunkte, sondern den mitt- 
leren Durchschnitt verschiedener Epochen 
darbot, nicht Ausnahmeleistungen, sondern 
das zeigte, was Allgemeingut geworden 
war. Doch war ja schließlich zuerst für 
die Lebenden zu sorgen, ehe die Toten 
daran kamen. Daß die Grabmalplastik auf 
Abwege geriet, hat außer der allgemeinen 
Abschwächung des künstlerischen Gefühls 
seine besonderen, tieferen Gründe. Wenn 
Goethe bei einer anderen Gelegenheit be- 
hauptet, daß die Menschen nur so lange 
schöpferisch in der Poesie und in der bil- 
denden Kunst seien, als sie religiös seien, 
so gilt das in ganz besonderem Maße für die Sepulkralkunst. Während sich 
auf anderen Gebieten das Kunstvermögen mit der fortschreitenden Be- 
herrschung der Außenwelt steigert, nützen jener Freilicht und Impressio- 
nismus nichts, wenn nicht das Verhältnis von Leben und Tod in unserer 
Gedankenwelt in jene festen Formen gebracht ist, über welche die Religion 
verfügt und zwar diese allein. Unsere Zeit ist ungläubig, sie anerkennt das 
frühere Verhältnis nicht mehr, ohne dafür ein anderes mit Bestimmtheit 
einzusetzen. So müssen die alten, immer noch gebrauchten Formen inhalts- 
los, zu leerer Allegorie werden. Wenn die Künstler ohne innere Überzeugung 
schaffen, werden sie unwahr. 
Die Kraft der Idee gab schon dem kunstlosen Urmenschen Mittel an 
die Hand, den Tod als das darzustellen, was er ihm erscheinen mußte, als 
Niederlage des Menschen im Kampf mit der Naturgewalt. Seine Grabmäler 
sind Denkmäler dieser rücksichtslosen, gigantischen Naturgewalt, gewaltige 
Steinmassen, aufgeschichtete Blöcke wie die Riesensteine, Menhirs und 
Dolmen, bei deren Anblick sich auch der Kulturmensch des Schauers nicht 
erwehren kann und sich recht klein vorkommt. Dasselbe Gefühl leitete 
auch die Erbauer der Pyramiden und Obelisken, ja es war noch bis ins 
vorige Jahrhundert bei den Schöpfern jener gewaltigen Torbauten dorischen 
Stils lebendig, welche die Welt der Toten von jener der Lebenden trennen. 
Klein und nichtig erscheint das Leben des Einzelnen unter diesen riesigen 
Säulenhallen, diesen hochgespannten Kuppelbauten, klein und nichtig auch 
der Schmerz um den Verlust. Unserer Zeit ist die Kunst, mit großen und 
einfachen Verhältnissen zu operieren, verloren gegangen, nur einige wenige 
Architekten wie Schumacher, Bruno Schmitz, der Münchener Grässel 
beginnen sich wieder in sie hineinzufinden, der letztgenannte besonders bei 
seinen Münchener Friedhofsanlagen. Es ist als ob die menschliche Eitelkeit 
sich gesträubt hätte, Verhältnisse zu schaffen, die für die Enge ihrer 
 
H. Hahn, Grabstätte BiHar, Vorderansicht
	        

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