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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

Besonders wichtig erscheinen mir die auf Seite 198 bis 203 dargestellten 
Stücke. Derartige kleingemusterte und naturalistische Stoffe entsprechen 
gewiß dem Geiste der späteren Renaissance, wie sie ähnlich schon in der 
Gotik und ganz frühen Renaissance üblich waren; auffällig ist aber, daß so 
bunte Stoffe wie diese auf italienischen Bildern des XVI. bis XVII. Jahr- 
hundertes sehr selten, dagegen auf gleichzeitigen niederländischen sehr häufig 
vorkommen. Und Holland hatte in der späteren Renaissance einen beson- 
ders starken Verkehr mit Ostasien. Kleine Zweigornamente bot uns schon 
das, freilich aus früherer Zeit stammende Stück, das auf Seite 204 abgebildet 
ist; besonders das weiße Stück (Seite 198) wird bei näherer Betrachtung sehr 
stark an chinesische Arbeiten erinnern. Chinesisch ist schon die Diagonal- 
ordnung, die, wie ich an anderen Orten gezeigt habe, unter chinesischem 
Eintluße in der Früh- und Spätgotik und der entsprechenden früheren Renais- 
sance Bedeutung erlangt hat, in der vollendeten italienischen Renaissance 
dann aber wieder zurückgetreten ist; man beachte auch das eigentümlich 
wellige Auslaufen der schmalen Blätter, eine kennzeichnend chinesische Aus- 
bildung der Form. 
Sehr stark ist der Eindruck chinesischer Formgebung auch bei dem 
folgenden Stücke (Seite x99), besonders in den weißen Blüten und Hasen und 
hahnartigen Vögeln. Die Hasen sind in der ostasiatischen Kunst sehr beliebte 
Tiere, unter anderem auch als Symbol der Mondgöttin. Wir gehen übrigens 
wohl auch nicht fehl, wenn wir die Hähne, die in mittelalterlichen Beschrei- 
bungen von Stoffen nicht selten erwähnt sind, mit Ostasien in Zusammen- 
hang bringen. Die Pfauen und Hunde bei dem auf Seite 2oo abgebildeten 
Stück lassen sich wohl gleichfalls zu Ostasien in Beziehung setzen. 
Sehr klar tritt das Chinesische wieder in dem auf Seite 203 wiederge- 
gebenen Stücke hervor: die seepferdartigen Tiere sind offenbare Garuda- 
Gestalten und die Skorpione wären für Europa sehr auffällig, während sie in 
der naturalistischen Kunst des Ostens kaum befremden. Auch ist die farbige 
und rein webetechnische Erscheinung des Stückes mehreren gesichert ost- 
asiatischen Stoffen aus der Sieboldschen Sammlung im Österreichischen 
Museum sehr verwandt. 
Die Löwen bei dem auf Seite 201 wiedergegebenen Stücke wirken aller- 
dings durchaus europäisch. Ähnlich gebildet Fmden wir sie aber auch nicht 
selten auf ostasiatischen, für Europa hergestellten, keramischen Erzeugnissen. 
Vielleicht haben wir auch hier einen der chinesischen Stoffe „dont les 
Europeens ont porte les patrons ä la Chine" vor uns, und schon bei dem 
vorher besprochenen Stücke (Abbildung auf Seite 200) mag dies der Fall sein. 
Überhaupt lassen sich bei dem wechselseitigen Verkehre die Erzeug- 
nisse der beiden Gebiete nicht haarscharf voneinander scheiden. Es muß aber 
hier noch einmal darauf hingewiesen werden, daß sich solche Stoffe nach 
den alten Bildern (besonders der ersten Hälfte des XVII. Jahrhundertes) zu 
schließen, vor allem in den Niederlanden vorfanden und daß diese Gebiete 
in der angegebenen Zeit noch keine höher entwickelte Textilindustrie
	        

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