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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 3)

Er ist hier mit üinfunddreißig Bildern noch reicher und vielfältiger vertreten. Sein 
seelisch vertieftes Naturgefihl, sein Hang, das Romantische in der Natur zu suchen, seine 
Stimmungskraft der Einfühlung wird wieder offenbar. Manchmal merkt man die Atmo- 
sphäre der Freischützwelt und der deutschen Märchen, wenn Friedrich „zwei Männer in 
Betrachtung des Mondes" malt. Dann wieder eine liebliche Dresdener Romantik mit einem 
Schuß Bürgerlichkeit, etwa das Klima von E. Th. A. Hoffmanns Goldenem Topf, wenn er 
seine Frau in der holden Tracht von 1830 in dem langen schmalen Atelierfenstern dar- 
stellt, wie sie auf die Wipfel des Großen Gartens blickt. 
Dann erlebt man große Einsamkeitsstirnmungen. Friedrich malt die nackten Spitzen 
des I-Iochgebirges, daß sie einem wellenbewegten Meer gleichen, aus der Einöde erhebt 
sich starrend ein Kreuz. 
Eine Marine sieht man mit einem sturmgeschüttelten Schiff nur auf den chaotischen 
Gischt der Farbe, auf den wild symphonischen Zusammenklang von Himmel und Meer 
gemalt und mit Verzicht auf die Erregungssensation der Menschenstalfage. 
Auch jenes seltsame Bild, wie aus einer fahldämmernden Zwischenwelt empfangen, 
„die Lebensstufen" mit dem weiten Seeblick findet man hier. 
In dem Friedrich-Kabinett hängt zu guter Nachbarschaft Georg Friedrich Kersting. 
Er hat nichts Visionäres, aber er ist Friedrich verwandt in dem atmosphärischen 
Sinn für das Interieur. Er erfüllt die Räume mit seelischer Stimmung. Er hat so Kaspar 
David in seinem Atelier gemalt, gegen das hohe Fenster gestellt, und in diesem Porträt 
entdeckt man in den skurrilen Zügen, in den scharfen Querstrichen des Backenbartes 
eine Ähnlichkeit mit Callot-Hoffmann. 
Almanachstimmung und Jungfernkranzweise schweben über einem andern Bild 
Kerstings. „Mädchen, das Haar ilechtend"; das ist in seinem hellen, lieblichgrünen Duft 
eine malerische Poesie, die Vogeler und Walser entzücken müßte. Und dem verwandt 
sind wieder die traulichen ganz auf Hausheimlichkeit („Selig, wer sich vor der Welt ohne 
Haß verschließt") eingestimmten Familieninterieurs von Gerhard von Kügelgen, dessen 
Sohn die „jugenderinnerungen eines alten Mannes" schrieb, voll der gleichen Wesensluft. 
Wie Kaspar David übrigens seine Zeitgenossen interessierte, kann man daraus sehen, 
daß auch Kügelgen und noch manche andere, zum Beispiel Lund, ihn malten. 
Man kann hier eine ganze Porträtgalerie des merkwürdigen Mannes zusammenstellen. 
Wie Friedrich so tauchen wiederkehrend noch andere Vergessene auf. 
Den unglücklichen Weimaraner Buchholz, der ein intensives Landschaftsgefühl so 
malerisch auszusprechen verstand und im Elend zu Grunde ging, sah man auch schon in der 
retrospektiven Ausstellung des Sommers. 
Sein Werk erscheint hier in noch vermehrter Auflage, die den Eindruck von ihm 
steigert. 
Seine Frühlingsstimmungen, sein lichter Wald in Herbstnebeln, seine Teiche, seine 
hellen Ernte-Farbenklänge haben in der Empfindung wie in der weichen schimmrigen 
Technik, dem schwingenden Duft der Dinge eine Note, die an französische Landschaftskunst 
erinnert. Und Buchholz hat die nie gesehen. 
Eine delikate und aparte Erscheinung ist ferner Thomas Fearnley (1802-1842), der 
ein buntes kosrnopolitisches Leben führte in München, Skandinavien, Frankreich, Italien 
und England. Pikante Miniaturen und espritvolle Skizzen, so erscheinen diese zierlichen 
Bilder; als artistisch würde man sie heute ansprechen, etwas Dekoratives, etwas von Vig- 
nettenkunst haben sie. Und wieder kann man, um dieses Temperament zu bezeichnen, 
den Namen Walser nennen. 
Vor allem bei seinen Skizzen von Sorrent, wie er da eine weiße Terrasse lyrisch- 
dekorativ hinsetzt, denkt man an solche Gourmandisen. 
Sehr originell wirkt auch das kleine Bildchen, das, eine Londoner Erinnerung, Turner 
in der Royalakademie auf einem Podium stehend und an einem Bilde malend darstellt. 
Wie eine Berührung der Kulturen grüßt uns dies malerische Zeichen von 1837.
	        

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