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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 5)

Er liebt - seine Privathäuser zeigen das - den Stil vom Anfang des Jahrhunderts, 
den man etwas allgemein Empire nennt. Er liebt an ihm die Noblesse der einfachen_ 
ruhigen Linien, des schlanken Körpers, die Zurückhaltung im Ornament, das nur ganz 
sparsam an betonter Stelle als Akzent in die Fassade gesetzt wird; er liebt die rhythmische 
Schönheit, die nicht aus Beiwerk kommt, sondern aus harmonisch schwingenden Pro- 
portionen des gesamten Bauorganismus. 
Hierzu paßt Messels Handschrift ausgezeichnet. 
Einem Schinkelschen Gebäude mit langgesh-eckter, glatter, nur durch Säulenpilaster 
gegliederter Front ist das Schulte-Haus benachbart. Seine überragende Höhe wird 
anpassungsvoll durch eine horizontale Dreiteilung in ein Quaderuntergeschoß, in ein Zwei- 
etagen-Mittelgeschoß und eine festlich sich über dem ganzen erhebende Attika, von vier 
großen Empirevasen gekrönt, ausgeglichen. 
Die charakteristische Betonung empfängt das Haus durch die sehr edel gelungene 
Gliederung jenes Zweietagen-Mittelgeschoßes. Messel ließ hier das Mittelstück der Fassade 
leicht zurücktreten und leitete es links und rechts in weichen konkaven Einbuchtungen, in 
denen lange schmale entsprechend ausgewölbte Fenstertüren mit weißer Sprossenteilung 
und zierlichem Eisenfiligran-Balkongitter sitzen, in die nun pfeilerartig wirkenden Eckilanken 
über. Und außerdem wird zwischen ihnen in der Länge des Mittelstücks noch eine ihm 
vorgelegte durchbrochene Steinbalustrade geführt. 
Das ergibt eine außerordentlich vornehme, nur durch die diskreten Mittel von Pro- 
portionsabstimmung und Linienbewegung geschaffene Wirkung. 
Es kommt noch dazu der Reiz des Materials. Messel hat, wie der zweiteWertheim-Bau 
schon zeigte, sehr gern den körnigen Kalkstein mit seiner wellig lebendigen Fläche. Er 
ward auch hier glücklich verwendet. Und gerade in diesem Stoff wirkt die Steinmetzkunst, 
wie sie die Messel nahestehende Münchener Gruppe pilegt, sehr organisch. 
Das Münchener Nationalmuseum und der Steinlaubengang am Wertheirn-Eckhaus 
des Leipzigerplatzes zeigt diese skulpturale Schmucktechnik, die ihre üächigen Zierstücke 
andeutend halb im Stein läßt und dabei das Wittrige, Porige des Kalksteins in seiner 
Unmittelbarkeit erhält. Stoff und Schmuck werden dadurch sehr einheitlich, es wird hier ein 
natürlicher Zusarnmenklang erreicht, denn sonst erst die patinierende Mitarbeit der 
Zeit schafft. 
So bieten sich auch die Flächenvignetten an dieser Fassade, die gekreuzten Empire- 
füllhörner unter den Balkonen und die Kranzgewinde über den Fenstern dar. 
Größere Plastiken von dem Münchener Wrba sollen noch die oben beschriebene 
Steinbalustrade schmücken. Sie sind vorläulig verhüllt. Vielleicht wäre ohne sie das 
Gesamtbild noch ausgeglichener. 
Den letzten Eindruck kann man übrigens noch nicht haben. Denn an der linken Seite 
steht ja noch das kleine, zum Abbruch verurteilte Torgebäude Schinkels. Dieses und sein 
geschwisterliches Gegenüber sollen fallen, um die enge neue Wilhelmstraße zu verbreitern, 
dann wird das Schulte-Haus Eckgrundstück und wird noch eine, jetzt verdeckte Seiten- 
fassade zeigen. 
Die Ausstellungsräume sind im ersten Flügel des Erdgeschosses untergebracht. 
Durch den Flur mit einer weißen Tonnengewölbedecke betritt man einen Eingangsraum, 
der als erster Eindruck freilich nicht ganz glücklich wirkt. Er ist seitlich nicht gut 
beleuchtet, hat eine winklige Führung und seine eine Seite ist mit einem wie provisorisch 
eingesetzten verglasten, bis zur Decke reichenden Verschlag, der Bureauzwecken dient, 
ausgefüllt. Solche „Lösungenß die in einem vorhandenen Bau als notwendige Übel, als 
l-lilfskonstruktionen empfunden würden, erscheinen befremdlich in einer Anlage, die doch 
durchaus auf ihre Bestimmung und ihre zweckgerechte Verwendung organisch hätte 
ausgestaltet werden sollen. _ 
Glücklicherweise ist nur diese erste Station enttäuschend. Hat man sie passiert, so 
betritt man die vier Oberlichtsäle, die wahrhaft kunstvornehme gesammelte Stimmung
	        

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