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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 10)

 
 
 
  
  
VASA MURRINA UND VASA DIATRETA Sie 
VON ANTON KISA-GODESBERG A. RH. S9 
31W? IE vielbesprochenen, in der Literatur der Griechen und 
3173,. Römer häufig genannten Gefäße, die man als Mur- 
 rinen oder Vasa murrina bezeichnet, gehören zu 
' den Rätseln, welche uns die Geschichte des an- 
tiken Kunsthandwerks noch aufgibt. Seit der ge- 
lehrten Abhandlung, welche Friedrich Thiersch 
ihnen 1835 in den Abhandlungen der bayerischen 
Akademie der Wissenschaften widmete, ruht der 
Streit, aber das Ergebnis ist ein unbefriedigendes 
„Non liquet", ein Kompromiß widersprechender 
Anschauungenf" Nachdem der Autor gewissen- 
haft alle Stellen der antiken Schriftsteller, in welchen die Murrinen genannt 
werden, zusammengestellt und die Ansichten späterer Forscher kritisch 
geprüft hat, verfällt er auf den Ausweg, zwei verschiedene Sorten gleichen 
Namens anzunehmen, eine kostbare, die aus einem farbigen, dem Labrador 
verwandten Feldspat geschnitten worden sei, und eine minder wertvolle 
Nachahmung dieser in Glas, die sogenannte Murrinae coctae. Bei Zeit- 
genossen findet sich eine solche Scheidung nirgends direkt ausgesprochen, 
wenn auch einzelne Stellen dafür zu sprechen scheinen und so einen Ausweg 
andeuten, durch welchen die Widersprüche beseitigt und beide Parteien ins 
Recht versetzt werden können. Die neuere Forschung hat sich mit diesem 
Ergebnis beruhigt und gleichzeitig läßt die Überzeugung, daß ja von den einst 
so gefeierten Erzeugnissen des antiken Kunsthandwerks doch nichts mehr auf 
uns übergegangen sei, weitere Bemühungen fruchtlos und unnütz erscheinen. 
Anstatt der Schreibart „Murrinen" und „Murra", das eine Wort für die 
fertigen Gefäße und Geräte, das andere für den Stoff, aus welchem sie her- 
gestellt wurden, Findet man oft die „Murrhinen", „Murrha" und „Myrrha". Sie 
beruht auf der Verwechselung von Murra mit Myrrha, der Pflanze, die durch 
den Gleichklang der Worte (namentlich im Griechischen) und die Angabe 
des Plinius hervorgerufen ist, daß man die Murrinen auch wegen ihres 
Wohlgeruches geschätzt habe. Murra und Myrrha haben miteinander nichts 
gemein. Bei römischen Schriftstellern ist nur die Schreibart Murra (Plinius, 
Martial, Lucan, Statius) und das Adjektiv „murreus" (Properz) erhalten. Sie 
kommt von dem Griechischen pägipa und dem Adjektiv pojöpfvo; (Arrian u. a.) 
her. Daneben Endet sich das Adjektiv „murrinus", das allmählich substan- 
tiviert wird und die anderen Ausdrücke verdrängt (Sueton, Plinius, juvenal, 
Ulpian u. a.). Pausanias gebraucht poßpia als Hauptwort. Der Ausdruck hat, ob- 
wohl er aus dem Griechischen ins Lateinische übernommen wurde,im Grie- 
chischen keine Wurzel und Bedeutung und stammt wahrscheinlich wie die 
 
 
4' Friedrich Thiersch, „Über die Vasa rnurrina der Alten." Abhandlungen der bayerischen Akademie der 
Wissenschaften. Philom-philol. Klasse. I. München 1835. S. 438 ff. Mit einer Tafel in Farbendruck. 
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