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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 10)

aus dem Streben, orientalisch zu erscheinen. Auch unser Bild zeigt übrigens 
einen sehr bemerkenswerten altorientalischen- Teppich unter den Knien 
Mariens. Daß der Behang, der im Hintergründe die Wand und die bankartige 
Stufe davor bedeckt, orientalisch sein soll, zeigen unter anderen die herum- 
laufenden arabischen Schriftzüge. Auch das breite Rankenornament mit den, 
von einer Art Vierpässen umgebenen Tiergestalten im Rande macht einen 
durchaus orientalischen Eindruck; ohne darauf näher einzugehen, kann 
man sagen, daß es der Eindruck von sarazenischen, teilweise unter ost- 
asiatischem Einflusse stehenden, Arbeiten ist." Das Rosettenornament im 
Innern des Behanges ist bei orientalischen Arbeiten gleichfalls keineswegs 
selten. Selbst die intarsienartige Dekoration des Lesepultes zeigt eine, 
zwar nicht ausschließlich orientalische, aber im Oriente besonders beliebte 
und wohl von dort nach Italien gekommene Technik und Formengebung. 
Wenn wir noch etwa auf die Säume der Gewänder hinweisen, die teils 
arabische Schriftzeichen, teils ähnliches Rankenwerk wie der große Behang 
zeigen, so kann man wohl nicht bezweifeln, daß hier die bewußte Absicht 
vorliegt, den Eindruck orientalischer Formensprache hervorzurufen. Und 
wenn das orientalisierende Rankenwerk dann selbst in die Heiligenscheine 
übergreift, so mag auch dies eher für als gegen die Annahme einer solchen 
Absicht sprechen. Allerdings liebt das späte Mittelalter Europas ja auch 
sonst die Anwendung dichteren Rankenwerkes; aber abgesehen davon, daß 
die Ausbildung dieses Rankenwerkes an sich schon vielfach mit dem Oriente, 
besonders mit orientalischen Stoffen, zusammenhängt, decken sich die 
_ besonderen Formen hier mit den gewöhnlich als „spätgotisch" bezeichneten 
durchaus nicht. 
Es scheint also, wie gesagt, klar zu sein, daß der Maler den Eindruck 
eines im Morgenlande spielenden Vorganges erzielen wollte. Wenn dieser 
Eindruck nun durch die Verwendung spätsarazenischer Formen hervor- 
gerufen werden soll, so ist der - sagen wir - bei lokaler Richtigkeit unter- 
laufeneZeitfehler beinahe geringer als der bei den oben erwähnten französischen 
Bildern, die von dem ganz falschen Standpunkte vermeintlicher Unab- 
änderlichkeit des Orientes aus geschaffen worden sind. 
Als orientalisch galten dem Maler nun gewiß auch die Stoffe, die der 
Mantel Mariens und das Obergewand Gabriels uns zeigen. Allerdings sind 
es keine Stoffe des eigentlich so genannten Orientes, doch hat sie der Maler 
aller Wahrscheinlichkeit nach dafür gehalten; denn wenn sie auch nicht aus 
dem genannten Gebiete stammen, so sind sie doch sicher über dieses Gebiet 
nach Italien gelangt, und hier hat dann gewiß niemand nach der ursprünglichen 
Heimat der Stücke gefragt. Betrachten wir aber zum Beispiele nur die natura- 
listischen Zweige über der linken Hand Mariens, so ist es ganz klar, daß 
solche Formen, selbst lange Zeit noch nach Vollendung des Bildes, weder in 
1' Man kann hier den Rand einer Stuhldecke auf einem Kakemono des Mibchö (1352 bis 1432) bei Tajirna 
„Selected Relics cf japanese Art" Kyoto rgoz, Band Vl. Tafel 23, und die kleineren noch reicheren Ränder des 
Gewandes der Figur rechts auf dem Bilde von Chinkai (T i 152) daselbst, Band II, Tafel 15, vergleichen.
	        

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