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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 11)

Besonders aber die Barockkunst, bei der alle einzelnen Teile so sehr in 
Abhängigkeit voneinander stehen und überhaupt nur durch die Beziehung 
zueinander ihr Recht erhalten, wird kaum unvermittelte und unorganische 
Übergänge, noch viel weniger aber den Mangel an Übergängen geduldet 
haben. Nein, wollte man das Obere wandeln, so wird man gewiß - in ganz 
wörtlichem Sinne - tiefer greifende Änderungen vorgenommen haben. 
In der Tat stimmen nun auch - ganz abgesehen von der Kuppel - 
zahlreiche Einzelnheiten der Ausführung nicht mit dem Stiche nach dem 
Modelle. Bei dem fertig gewordenen alten Teilen ist auch das - allein aus- 
geführte - Fenster der Rücklage (vergleiche die Abbildung auf Seite 612) 
ebenso gebildet, wie das in der herausgerundeten Ecke, während nach dem 
Modelle die Fenster beider Teile verschieden wären. ' 
Aufgegeben ist das - noch stärker barock wirkende - Verbinden 
der übereinander liegenden Fenster in den Obergeschossen der Risalite; auf- 
gegeben ist das zwischen den Obergeschossen hinlaufende bandartige Sims, 
wodurch nun die Grundfläche mehr hervortritt. 
Verändert sind die Dachbrüstungen und der Schmuck darauf; auffällig 
ist da besonders das Zurücktreten der Figuren und das Vortreten der ihnen 
gegenüber strenger wirkenden Vasen." 
Es sind dies übrigens keineswegs so geringfügige Änderungen, wie man 
im ersten Augenblicke annehmen könnte; denn die ganze Raumgliederung 
zwischen den I-Iauptteilungen wird dadurch wesentlich beeinflußt. 
Wenn wir dann die Kuppeln dazu nehmen, so ist der (teilweise) 
ausgeführte Entwurf überhaupt ein anderer, als der im Stiche erhaltene. 
Es wird also vielleicht gut sein, die Unterschrift unter dem Kleinerschen 
Stiche, den man bisher immer mit dem Vorurteile betrachtete, er müsse 
unbedingt stets maßgebend geblieben sein, einmal genauer zu betrachten. 
Die Unterschrift lautet lateinisch: „Prospectus Propilei Principalis Palatij 
Caesarei versus forum carboniorum secundum factam modellam perficiendi." 
Klarer sind aber die nebenstehenden deutschen Worte: „Prospect der Haupt 
Facciade von der Käys. Burg, wie solche gegen dem Kohlmarkt sollte 
zustehen komen, nach dem daselbst befindeden Modell gezeichnet". 
Der lateinische Ausdruck kann gewiß eben sowohl einen Bau bezeichnen, 
der ausgeführt werden soll, als einen, der ausgeführt werden sollte; der 
deutsche Ausdruck dagegen sagt ganz klar das letztere. Denn sicher hätte man 
auch im Deutsch des XVIII. Jahrhundertes von einem Werke, das zwar noch 
nicht ausgeführt aber zur Ausführung bestimmt ist, nicht gesagt, daß es aus- 
geführt werden „sollte", sondern daß es ausgeführt werden „soll". 
In anderen Fällen, zum Beispiele bei der Karlskirche, dem Salesianer- 
kloster, den Hofstallungen, dem Palaste des Prinzen Eugen, der Schwarz- 
spanierkirche, bringt Kleiner ganz ruhig Ansichten, die sicher nicht nach 
der Natur, sondern nur nach Entwürfen angefertigt sein konnten; denn die 
"' Unwicbtiger mag es erscheinen, daß die Keilsteinlinien in den Bogen der Untergeschosse nicht über- 
einstimmen; immerhin ist dies vielleicht kein Zufall.
	        

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