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Objekt: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 78)

ater, die Wände, die Pfeiler, die Tische, 
Figuren und den Boden, alles füllte er mit 
Formspielen seiner Phantasie. Üppig ließ 
e sich entfalten, zugleich aber verstand er 
Einfälle zu binden und in eine Ordnung 
bringen. Die Bildbewegung führt von 
z nach rechts, und sie gleitet zugleich von 
ts nach links hin in die Tiefe des Chor- 
"tes. Dabei ist die Tür mit dem Blick auf 
Hof für die Bildrhythmik ebenso wichtig 
die Gruppe der Gestalten am Altar, wie 
Wechsel der Farben in den Gewändern 
Händler. Es ist eine kleinteiligc Rhythmik, 
st eine kompositorische Rechnung fast 
in der Fläche. 
versteht, daß die Tafel für die Arbeit 
s deutschen Malers gehalten worden ist. 
s Hirtz, der um die Mitte des 15. Jahr- 
ierts in Straßburg tätige Maler, hat ähn- 
: Kompositionen geschaffen. Ähnlich dicht 
versponnen hat er die Figuren gruppiert 
ähnlich derb charakterisiert, ähnlich viel- 
g den Bildern das Kolorit gegeben. Aber 
Vergleiche bleiben im allgemeinen. Geht 
Figur für Figur, Kopf für Kopf durch, 
. die andere Auffassung rasch einsichtig. 
kann nicht sagen, die Figuren wären 
rlsnäher begriffen, mitunter erscheinen ihre 
chter maskenhaft, stets äußern sie sich 
ußter oder 7 richtiger wohl noch gesagt 
chauspielerisch begabter. Sodann ist die 
titektur des Kirchenraumes auffallend 
t geschildert und mit Skulpturen ge- 
nickt. Auch das ist der deutschen spät- 
;chen Malerei fremd. Wo sich ähnliches 
rt, ist es stets weniger phantasievoll, ist 
tets von westlichen Vorbildern angeregt. 
z anders geartete Phantasie lassen ebenso 
(ostüme erkennen. Was auch immer man 
nzieht, weder bei Hans llirtz noch in 
:rn im Kreise von jan Polack noch beim 
EICI des Hersbrucker Altars und den 
:ren bambergischen Malern, beim Haus- 
lmeister am Mittelrhein oder in Lübeck 
Bernt Notke läßt sich für dieses Bild inner- 
der deutschen Malerei eine Heimat 
aisen. 
lt in Deutschland, in Nordfrankreich viel- 
r ist die XWerkstatt des Malers zu suchen. 
m eine erste Anfrage vor jener Ver- 
;erung ließ mich, obgleich ich nur auf 
nd einiger Reproduktionen zu urteilen 
aochte, auf die Schule der Picardie hin- 
en. Und als sich später der glückliche 
tzer an mich wendete, ergab sich, daß er 
n denselben Kreis einzuordnen geneigt 
in der Picardie entstandenen Malwerkel 
tgnen, soweit wir sie heute kennen, der 
ien Tradition französisch-Hänuscher Buch- 
-rei und sind zugleich den niederländischen 
stern verbunden. Der Maler des Opfers 
Sottesmutter (Paris, Louvre) 3 hat sich für 
Shorarchitektur des Bildes zweifellos von 
Kathedrale von Amiens anregen lassen. 
Stil der Figuren bewährte er sich als 
ller der Niederländer. lhnen dankte er 
sorgfältige Sehen und die Akribie der 
nerfassung. Jan van Eyck hat mehrfach 
iche Kircheninterieurs gemalt; es darf so- 
l an die Tafeln mit Maria in der Kirche 
(Berlin und Antwerpen) wie an die Miniatur 
der Totenmesse im Turin-Mailinder Gebet- 
buch erinnert werden4. Darüber darf aber 
nicht übersehen werden, daß das Motiv des 
Choreinblickes in den (Irandes Heures de 
Rohan (Paris, Bibl. Nat. Ms. lat. 9471) vor- 
bereitet war. Wie das Bild gibt die Miniatur 
eine zentral geordnete Chorarchitektur. Auch 
bei Jan van Eyck Enden sich solche zentrale 
Einsichten (Leningrad und Dresden) 5, charak- 
teristischer sind aber für sein Formgefühl die 
schräg gegriffenen Kirchenräume. Vor allem 
aber haben Miniatur und Tafelbild gemeinsam, 
daß die Architekturformen auffallend dünn 
und gitterhaft gegeben sind. Eine aus schlanken, 
zierlichen Pfeilern und Diensten gebildete 
Baldachinarchitektur umschließt hier wie da 
die Figuren. Zeltartig erscheinen diese Chor- 
räurne; nie vermitteln Jan van Eycks Kirchen- 
räume solch einen Eindruck. Der Maler kann 
sein Motiv nur aus der Buchmalerei, keinesfalls 
aber aus der niederländischen Tafelrnalerei 
entliehen haben, soviel er von dieser auch für 
seine allgemeine künstlerische Erziehung 
empfangen hatte. 
Sodann die Messe des hl. Gregor (Paris, 
Louvre) 6. Anders als jener ältere von 1437 
hat ihr Maler sich eine niederländische Kom- 
position zum Vorbild genommen, und zwar 
ist es wohl ein Bild von Robert Campin, dem 
Meister von Flemalle, gewesen, von dem noch 
zwei ähnliche Darstellungen - als Original 
oder Kopie? - auf uns gekommen sind7. 
Eine erste Beziehung zur Malerei von Tournai 
deutet sich an, und sie erweist sich sogleich 
als durchaus konkret, hat sie doch, wenn wir 
nicht irren, dem Maler das Modell geliefert. 
Dazu hat sie ihm natürlich auch die Augen 
geschult. Seine besondere Art aber hat ihm 
wiederum die Buchrnalerei vermittelt. Von ihr 
stammt die schlichte, unplastische Form- 
gebung, die sein Bild von den Kompositionen 
Robert Campins unterscheidet, die es ander- 
seits rnit dem zuvor besprochenen Marienbild 
im Louvre verbindet. XWas immer man ver- 
gleicht, des Malers Formrepertoire erweist sich 
als weniger aufwendig. Die Architektur- 
formen sind allgemein Flächiger gegeben, kaum 
körperhaft wirken die Dienste im Chor, auf- 
fallend betont ist hingegen die große Wand- 
Häche links im Bilde. Flächiger ist auch die 
Gewandbehandlung, Hächiger sind die Ge- 
sichtet. Und wie einfach, wie schlicht und 
übersichtlich ist die Folge der Figuren, des 
Altartisches, des Sarges, der Engel-Pieta, der 
Chorwand. Falsch wäre es, nur die Schlichtheit 
zu betonen, ein höchst sicheres Stilgefühl 
bewährt sich in dieser eindeutig klaren 
Ordnung. Eine natürliche Stille und zarte 
Noblesse hat der Maler damit seinem Bilde 
gewonnen; sie waren seine persönliche Lei- 
stung, sie waren ihm ebenso zugekommen als 
ein Geschenk des Genius loci. Von ihnen wäre 
schon vor dem Bilde der opfernden Maria zu 
sprechen gewesen, sie zeichnen ebenso die 
Malereien von Simon Marmion aus, in dessen 
Schaden diese Richtung der picardischen 
Malerei gipfelt. 
Simon Marmion, der, um 1420 in Amiens gebo- 
ren, seit 1458 in Valenciennes ansässig war und 
da 1489 gestorben ist, heute gleich hoch als 
ANMERKUNGE 
2 
 
2-7 
(Ilurlcs stt-tlitttt. m Printixifs (L3 Peinturt- ÜIIHQHÜSC 
1932-1. . ("harles Jacques ( Stcrlingl- L1 g 
Pvintrts du Moycn-äge, Paris 1'941, s. . 
B, A ("cntury Of frtlltl! Prlintirlg 1400 
Oxford-New Ytttlt 1949. s. 33 und 218. Wit besd 
uns bcl den flllgllllllcn Betrachtungen auf einige 
Werke tlt-t Schule ttttt Aniiens; XVlf betrachten 11H! tl 
frei gesicherte liritpitlu, a; ex um grundsätzliche 
geht. 
j. Dllpollt. i (htzt-tt 
Ring, (1.11. 0., Nr. 1 
M. j. Friedliuldcr. Ult altnicderlältrlische: Malerei I 
"m. xxlx und xxxlll. 
Frietlländt-r t t 0., 'l"al'. XLl und xuv. 
ttt- tlt-t lJcaux-Arts 7a a. 1931. 1 
lt. 167. 
.. u. 1'224. Nt. 73, s. 114. - l 
u _ um des llcaux-Arls Bulletin, ÜIUXClll 
  
  
 
 
- ut-ttttt-Att; 74, 2, m2, s. 
 
 
 
 
 

	        

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