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Full text: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 4)

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Bezug auf den sittlichen Zustand einer nach vielen Millionen zählenden 
Bevölkerungsklasse. Der Ansammlung fast unermeßlicher Reichtümer auf der 
einen Seite entsprach Not, krassestes Elend, Verkommenheit in jeder Hinsicht 
auf der andern. Da die Anteilnahme an der Tätigkeit der gesetzgebenden 
Körperschaften vom Umfang des Grundbesitzes abhängig war, mithin nur die 
Gentry im Staatswesen ein 
Wort mitzureden hatte, stellte 
sich bei dem rasch reich ge- 
wordenen, bürgerlichen Krei- 
sen entsprossenen Fabriks- 
herren- und Kapitalistenstand, 
der mit dem ins Ungemessene 
anwachsenden Geldbesitz all- 
ein keineswegs zufrieden war, 
das Bedürfnis nach einer dem 
Besitz entsprechenden sozia- 
len Stellung ein. Der alteng- 
lische Feudaladel war ohnehin 
außerordentlich zusammenge- 
schmolzen; heute vermögen 
nur ganz wenige Familien 
ihren Ursprung bis ins XVI. 
Jahrhundert zurück zu ver- 
folgen. Es wurden also große 
Summen im Grundbesitz an- 
gelegt. Der selbständige Bauer 
verschwand vollständig. An 
seine Stelle trat der Landar- 
beiter, dessen Stellung keines- 
wegs viel besser war als die 
desstädüschenI.ohnarbeüers 
In Bezirken, wo weniger In- 
dustrie war, sank die ländliche 
. _  Bevölkerungsziffer enorm; in 
Abb. z. Rochester, Alte Fachwerkbaulen den Fabriksdistrikten Stieg Sie 
in ebendemselben Maße. (Im 
Jahre 18g! zählte man nicht ganz 1'], Millionen Landarbeiter gegen 7'], Mil- 
lionen gewerblicher Arbeiter.) Der stetige Zuzug von Arbeitskraft nach den 
Industriezentren ermöglichte die Herabdrückung der Löhne. Um diese immer 
stärker zurückzuschrauben, wurde, wo es nur immer anging, Frauen- und 
Kinderarbeit bevorzugt. Mochten dabei Überanstrengung, Krankheiten und 
so weiter auch eine abnorme Sterblichkeit hervorbringen - das kam nicht 
in Betracht. Überschuß an Arbeitsangebot war stets vorhanden. Das berüch- 
tigte „Sweating" (Schweißaustreiben, das heißt übermäßiges Ausdehnen der 
)_______4_' .152. 
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