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Full text: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 6 und 7)

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einen außerordentlichen Beitrag leisten zu 
müssen, eine ausreichend große Wohnung, 
die ohne jedwede Zugabe unter den gewöhn- 
_, v, lichen Verhältnissen das Doppelte kosten 
 Hilf: i ' würde, er hat ein Stück Gartenland, zu dessen 
l ililiil, Bebauung, da jahraus, jahrein die Tätigkeit in 
der Fabrik nachmittags 5 Uhr aufhört, Zeit 
Abb. S. Hauseingang in Luntley 
. genug übrig bleibt. Es deckt ihm nicht bloß 
den eigenen Bedarfi an Vegetabilien voll- 
ständig, sondern es bringt, wie Bournville es 
zeigt, gegebenenfalls sogar noch einen Über- 
schuß. Der erzieherische und gesundheitliche 
Einfluß einer derartigen Ausnützung der freien 
Stunden liegt klar auf der Hand. Außer den 
wenigen Tuberkulosekranken, die schon bei 
Bezug der Wohnungen in Port Sunlight leidend waren, sind seither keine 
"' England ist bekanntermaßen das Land des Fleischkonsums par excellence. Durch die Zunahme 
des Vegetabilienbaues ist eine zunehmende Ernährung vegetativer Art ermöglicht, damit gleichzeitig die 
Gelegenheit zu Ersparnissen geboten. In Boumville zum Beispiel ist der Fleischkonsum merkbar zurück- 
gegangen, seit dessen Bewohner selbst vortreffliches Gemüse ziehen. Die Arbeitskraft der so Ernährten 
ist nicht zurückgeblieben, der allgemeine Gesundheitszustand ein vortrefflicher, die Kindersterblichkeit, wie 
schon im vorigen Aufsatz gesagt, äußerst gering. Allerdings spielt dort der Alkohol gar keine Rolle. 
Man lebt abstinent. Port Sunlight hat eine Wirtschaft. Bei einer Bevölkerungsziffer von zirka 3000 Seelen 
würden sich in Deutschland, der Schweiz u. s. w. wahrscheinlich zwanzig oder mehr Kneipen finden lassen. 
Manche Handwerkerorganisationen Englands setzen Enthaltsamkeit vom Genuß geistiger Getränke als 
Bedingung der Mitgliedschaft voraus. In Deutschland hat die Sozialdemokratie diesen Punkt bis dato nie berührt, 
auch spielt bei staatlichen Wirtsehaftskonzessionen nur die Bedilrfnisfrage eine Rolle, nicht aber die Volks- 
hygiene. ebensowenig der Alkohol als Exzeßerreger, die Rücksicht auf psychische Hygiene. Betrunkenheit gilt im 
Gegenteil ja bei allen Kriminaliällen als rnildemder Umstand. justitia wird also rnit vollem Recht dargestellt 
mit verbundenen Augen. Gerichtshöfe, Geschwornengerichte, aus Nichttrinkern zusammengesetzt, würden wahr- 
scheinlich in vielen Fäl- 
len anders urteilen, als 
es jetzt der Fall ist. Die 
Trinksitten eines großen 
Teiles derakademischen 
Jugend werden von vielen, 
deren Urteilsbefähigung 
als selbstverständlich vor- 
ausgesetzt wird, ins spä- 
tere Leben mit hinüber- 
genommen, die Unsitte 
der „Früh- und Spätschop- 
pen",besondersinkleinen 
Städten, als eine gesell- 
schaftlicheUnterhaltungs- 
möglichkeit kultiviert, 
während sie doch ganz 
anderemnichtgeradekul- 
turiördernden Motiven 
entspringt. Die gleichen 
Leute aber, die solchen 
Dingen fröhnen, wollen 
vom Volk unbedingt 
als Vertreter der guten 
Sitte. als geistig Höher- 
stehende betrachtet sein. Abb. g. Das "Gate-House", Moreton Old Hall 
 
 
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