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Objekt: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 48)

 
häufiger als andere von Wanderkünstlcrn aus dem Süden 
heimgesucht. Schon für die sechziger und siebziger jahrc 
des 13. Jahrhunderts ist die Tätigkeit einer Paduaner 
Malergruppe in den Alpenländern belegt; ihre Auswir- 
kungen reichten damals hereits bis nach Niederöster- 
reich, Böhmen und Schlesien} S0 kann es auch nicht 
wundernehmen, wenn wir aus den folgenden Jahrzehnten 
eine Reihe österreichischer und böhmischer Handschrif- 
ten kennen, die hinsichtlich ihrer Initial- und Orna- 
mentlormen paduanischen Traditionen folgen, während 
ihr iigürlicher Schmuck nach und nach unter den Einfluß 
des zeitgemäßen mitteleuropäischen „Zackenstils" ge- 
rät. Das bedeutendste österreichische Zeugnis dieser Syn- 
these _ nächst einem Seitenstettener Missale in New 
York und dem 194-5 verbrannten Wimp: nger Riesen- 
kreuz 5 - ist eine aus dem Krcmser Dominikanerkloster 
stammende vierhiintlige Bibel der Nationalbibliothek in 
Wienß Zu der üppig wuchernden „paduanisehc-n" Pflan- 
zenornamentik ihrer Initialen stehen die scharfbrüchi- 
gen Formen des „einheimischen" Figurenstils in einem 
eigenartigen und nicht immer ganz glücklichen Kon- 
trast; doch gelingen dem llluminator einige Szenen von 
großer Anschaulichkeit. Die ein wenig frivole Interpre- 
tation des Abisag-Themas etwa entbehrt nicht eines der- 
hen Reizes, der an spätere Sittenbild-Malerei gemahnt 
(Abb. 2). 
Um 1310l20 crhiclt dann diese Kremscr Handschrift in 
der großen Klostcrncuhurger Bibel (cod. 2 und 3 der 
Stiitshibliothek) eine Nachfolgerin, die sie an künst- 
lerischem Wert und an kunsthistorischem Interesse noch 
weit übertrifft? Aus welchen konkreten Voraussetzungen 
 
1 Johannes und der Posuuncncngel. Initiale A (zu Apokalypse) 
aus der Bibel Herzogenhurg codv 223, lol. 458V (oberimlienisch, 
Ende des 13. Jahrhunderts). 
2 Abisag pflegt den Allen David. Initiale E (zu Könige I) aus 
der Bibel Wien c0d.1171, fol. 65r (KremSP, um IZWVBO). 
3 Salomo belehrt die Jünglinge. Initiale P (zu Sprüche) aus 
der Bibel Klosterneuburg cod. 2, lol. 2381- (Klosterncuburg, 
um 1310[20). 
4 Die Geburt johanncs das Täulers. Initiale D aus einem 
Chorbuch, Bologna, Musco Civico, corale 17, png. 125 (Ci- 
mabue-Nachfolger in Bologna, um 1300[10). 
5Die Anbetung der Könige. Initiale I5 aus dem Missale 
S1. Florian cod. III, 20-}, lol. llv (Bolognescr llluminntor in 
St. Florian, um 132()[25). 
verfälscht ita ienischen Charakter tragen: die fleischi- 
gen, prallen Schäfte. die fallweise geknotet, gebrochen 
und in „Pei-lenreihen" aufgelöst werden, haben ihre näch- 
sten Verwandten in gleichzeitigen toskanischen lland- 
sehriftenf Auch die Figuren scheinen nicht frei von An- 
klängen an forentinisebe Vorbilder. Wohl verriit der 
melodische Fuß der Figurenbewegungen und Llmriß- 
linien die im Grunde nördlich-gotische (am ehesten wohl 
oberrheinische) Inspiration des Malers, doch fallen da! 
neben einzelne Züge südlicher Herkunft auf. Das gewich- 
tige Sitzmotiv Salomos und die kräftige Plastizität seines 
Körpers ÜLIFCIlDFCChCH die Fliichenkomposition der im 
übrigen ganz zweidimensional konzipierten Szene, und 
ebenso springen die kühnen lberschneidungen, die Pro- 
filbildung unc die „ungotisehen" Gesichtstypen der vor 
dem König stehenden jünglinge ins Auge (Abb. 3). Der 
Vergleich mit einer nur wenig "ilteren, von einem Nach! 
folger des Cimabuc geschmü kten Handschrift in Bo- 
logna" zeigt ceutlich. daß diese fein modellierten Köpfe 
mit ihren kräftigen Nasen und forschend blickenden 
Augen aus der italienischen "maniera greea" abzuleiten 
sind (Abb. 4). 
lm lialle der Klosterneuhurger Bibel muß die Frage offen 
bleiben, ob neuerlich italienische Wanderkünstler - wie 
seinerzeit die Paduaner - ihren eigenartigen Stil an 
Ort und Stelle prägten, oder ob sich bloß einheimische 
Kräfte an toskanischen Vorbildern der Zeit um 1300 
geschult hatten. Daß aber die kunstfreudigen Kloster- 
neuburger Chorherren wenig später zumindest einen 
italienischen llluminator vorübergehend beherbcrgten. 
beweist das Missale cod. 615 der Stiftsbibliothekßo Um 
die Mitte des 14. jahrbundcrts von einem lokalen Schrei- 
ber geschrieben, wurde es von einem Maler ausge- 
sehmüekt, dessen Stil unverfälscht italienisch ist, auch 
wenn er sich vorläufig keiner der dortigen Lokalschulen 
zwingend einordnen läßt; wir glauben, daß es sich hier 
möglicherweise um einen Bolognesen, sicher aber um 
einen Obcritaliencr handelte (Abb. S). Abgesehen von 
der dem modernen Betrachter naiv anmutenden, dem 
Mittelalter jedoch in dieser liorm durchaus geläufigen 
Verbildlichung des liingangssatzes „Zu Dir, mein Gott, 
erhebe ich meine Seele" (wobei letztere als Wickelkind 
erscheint), sind die Charakterköpfe der Propheten in der 
unteren Randleiste bemerkenswert. Sie geben uns einen 

	        

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