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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 11)

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Aber, mag man sagen, diese 5auwerke seien nicht Taten des 
Volkes gewesen, vielmehr im einen Fall die Taten von Kaisern, im 
andern die Tat der Kirche. Sehr wohl; aber war wirklich der Kaiser 
etwas anderes als eine Tat des Volkes — entsprach nicht der 
Kaisergedanke dem des Volkes? Und was war die Kirche anders, 
als wiederum die verkörperte Sehnsucht des Volkes? Als der Ge 
danke des römischen Volkes sich änderte, zerfiel das ganze römische 
Gefüge; als der Gedanke des mittelalterlichen Volkes sich änderte, 
liefe die Lebenskraft der Kirche nach, genau im Verhältnis, wie die 
Denkweise des Volkes sich von ihr zurückzog. So ist jede Form 
der Regierung, jede soziale Einrichtung, jedes Unternehmen, grofe 
oder klein, jedes Zeichen der Aufklärung oder der Erniedrigung, 
dem Leben des Volkes entsprungen und entspringt ihm noch heute. 
Langsam hat in jahrhunderten die Denkweise der Völker sich ge 
ändert; genau so haben sich ihre Taten geändert, ln diesem Strom 
menschlichen Lebens haben die Menschen immer die Notwendigkeit 
gefühlt, zu bauen, und aus der Notwendigkeit entsprang die Kraft, 
zu bauen. Und sie bauten, wie sie dachten und konnten, Pfeiler, 
Dalken und Dogen wechselten in Form, Zweck und Ausdruck, mit 
der Treue des Lebens den wechselnden Gedanken des Menschen 
folgend. 
Diesen Flufe in der Dauweise nennen wir „historische“ Archi 
tektur. Zu keiner Zeit aber und bei keiner Gelegenheit ist er etwas 
anderes gewesen als ein Dolmetsch des Gedankenfluges der Völker, 
ein Ausströmen aus dem innersten Leben der Völker. Dabei sind 
der Verfall des Alten und die Dildung des Neuen Wirkungen der 
selben Ursache. Diese einzige Ursache ist der Gedanke. Unmög 
lich, hier die Einflüsse zu analysieren, welche den Wechsel der 
Gedanken veranlassen. Es genügt, zu sagen, dafe die Denkweise, 
wenn sie einmal eine Veränderung erfahren hat, nie wieder die 
gleiche wird, wieviel Zeit auch vergehen möge. So gibt es immer 
neue Geburt, neue Wiedergeburt. 
Hieraus folgt, dafe wir, indem wir die historische Architektur 
ansehen, aufhören müssen, sie unter der künstlichen Klassifizierung 
der Stile zu betrachten, wie es immer noch üblich ist. Es ist natür 
licher und logischer, jedes Dauwerk der Vergangenheit und der 
Gegenwart als ein Ergebnis und ein Anzeichen der Zivilisation der 
Zeit und auch als das Ergebnis und ein Anzeichen der Denkweise 
des Volkes, der Zeit und des Ortes anzusehen. Auf diese Weise 
werden wir ein viel klareres und sichereres Dild vom lebendigen 
Strom der Architektur durch alle Zeitalter gewinnen. Wir werden 
die klare, einfache und genaue Bewegung erfassen, von der die
	        
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