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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 11)

hundert, erkennen zu dürfen. Mit der Zeit ist er, mit dem heutigen, stilkritisch 
geschärfteren Auge betrachtet, in eine weit spätere Zeit hinaufgerückt. Der 
Typus des Stuhls mit dem kastenartigen, geschlossenen, durch Säulen- 
galerien durchbrochenen Sitzgestell, dem seitwärts ausladenden Rücklehnen- 
brett ist unstreitig romanisch. Ähnliche Formen lassen sich unschwer für 
das hohe Mittelalter in den literarischen Quellen nachweisen, und insofern 
bietet er mit andern unterdes im hohen Norden bekannt gewordenen Ge- 
nossen ein unschätzbares Dokument für die Möbelkunst des hohen Mittel- 
alters. Auch die hochinteressante und stilvolle Ornamentik, besonders der 
unteren umlaufenden Leisten redet die Sprache der romanischen Zeit. Aber 
sie beweisen allein kein so frühes Alter, denn wir wissen heute, daß infolge 
der kulturellen Bedeutungslosigkeit der nordischen Länder seit dem 
späteren Mittelalter die künstlerischen Ausdrucksformen dort oben eine 
Art Dornröschenschlaf geschlafen und unter Übergehung der Gotik die 
Renaissance auch wieder romanisch erfaßt haben. Das eindrücklichste Bei- 
spiel in Stil und Technik sind isländische Schnitzarbeiten bis auf die neue 
Zeit. Tragen neben dem Ornament auch die Tier- und Menschenköpfe noch 
ein sehr archaisches Gepräge, so werden dagegen die figürlichen Reliefs 
zum Verräter an der späten Entstehung. Simson auf dem Löwen reitend an 
der rechten Seite, die beiden Ritter an der Rückwand haben freilich in 
Kostüm und Rüstung Anklänge an das frühe XIV. Jahrhundert, aber die 
Vase mit der menschlichen Maske und der stilisierten Pflanze, die aus ihr 
hervorsprießt, hat einen fast renaissancemäßigen Charakter, und der aus 
drei Paaren bestehende Reigen an der äußeren Rückenlehne ist in Haltung 
und Stimmung kaum mittel- 
alterlich, wozu noch kommt, 
daß der ausführende Künst- 
ler hier, wo er sich nicht an 
traditionelle Typen anlehnen 
konnte, in den Frauenkostü- 
men stilistisch wie formell in 
seine Zeit, das XVI. Jahr- 
hundert, herübergriff. Dieser 
Reigen ist darum gegenüber 
den anderen in der Stileigen- 
art außerordentlich kräftigen 
und frischen Reliefs auch 
wesentlich Hauer. Der Stuhl 
ist aus Fichtenholz und bis 
auf die obere Säulengalerie, 
die ergänzt ist, von ausge- 
zeichneter Erhaltung (Abb. 
93 und 94). - Wenn auch 
_ _ Abb. x05. Imarsiener Faltschemel, deutsch, XVILJahrhunden. 
m wesentlich anderer Aus- Hab. m4„ 3m, o," Mm, 

	        

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