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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 12)

Die Flucht des Einhorns in den Schoß einer Jungfrau, die Fabel, es könne 
nur eingefangen werden, wenn ihm eine reine Jungfrau den Schoß öffne, 
wurde auf die Conceptio immaculata ausgedehnt. Die zweifelnden Worte 
Marias „Werde ich den Herrn empfangen und zur Welt bringen, wie jede 
andere Mutter" und die Aufklärung des Engels „Die Kraft des Ewigen wird 
dich mit seinem Schatten bedecken" bewogen den Künstler, zum leichteren 
Verständnis des Mysteriums ein Wesen zu wählen, daß stärker war als alle 
Tiere, stärker als alle Menschen, ja göttliche Kraft besaß und im Horn über 
wunderbare Wirkungen verfügte. Lag es doch nirgends in der Absicht des 
Mittelalters, Rätselbilder zu 
schaffen, und so Finden wir 
stets Gedanken vor, mit 
denen die lebendige An- 
schauung der Form zur 
figürlichen Schilderung ge- 
führt wurde, wenn sich 
auch der Versuch, das Ge- 
heimnis verständlicher zu 
machen, in diesem Fall b. 
nicht über eine sinnlich- V i 
realistische Auffassung er- 
heben konnte. Schöner war 
sie jedenfalls bei den Ita- 
lienern und poetischer bei 
Dante, der als Symbol für 
das Mysterium die Rose 
wählte - wohl in Erin- 
nerung an den lateinischen 
Dichter des XII. Jahrhun- 
derts: „Die goldene Rose,  
die von der Paradieses_ Abguß einer Marzipanfnrm aus Zinn. Germanisches Museum 
wiese in den Schoß der in Nürnberg 
Jungfrau Fiel, blieb darin liegen; im Klosterhof der Züchtigkeit empfängt die 
Jungfrau die englische Rose." 
Die Kunst des ausgehenden XV. und beginnenden XVI. Jahrhunderts 
bringt uns eine große Reihe von Darstellungen der mystischen Jagd des 
Einhorns. Ich muß die markantesten und künstlerischesten herausgreifen: 
Der Holzschnitt aus einem Defensorium inviolatae virginitatis Mariae aus 
dem Jahre x47o - weiters ein Zinnmodel im Besitz des germanischen 
Museums. Er hat höchstwahrscheinlich mit der Bronzeplakette der 
Sammlung Figdor gemeinschaftlich dasselbe Vorbild; die Darstellung 
erscheint hier jedoch reicher in den Details, vornehmer in der Behandlung 
der Figuren und vollständiger durch die beschriebenen Bandrollen. Der 
Text ist nicht auf allen deutlich lesbar, aber durch Vergleich mit anderen 
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