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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 12)

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Wir haben somit als erste Quelle unserer symbolischen Darstellung 
den Physiologus der Deutschen und die Bestiaeres der Franzosen kennen 
gelernt. Einen der ersten Versuche, diese Auffassung im Bilde wieder- 
zugeben, bringe ich zur Anschauung. In der gereimten Bearbeitung des 
jüngeren deutschen Physiologus, einer Klagenfurter Handschrift, die vor dem 
Jahre 1200 entstanden ist, jagt ein junger Mann mit Pfeil und Bogen nach 
dem Einhorn, das sich zu einer auf einem Throne ruhenden Jungfrau flüchtet. 
Sie ist hier nicht als die seligste Jungfrau Maria gedacht, denn der Text im 
Klagenfurter Physiologus ist so zu verstehen: Um das Einhorn einfangen 
zu können, wähle man eine Magd vom Lande, somit ein unverdorbenes 
Mädchen, führe sie in die Stadt, wo das Einhorn emsig nach sinnlicher 
Speise, nach reinen Jungfrauen umsonst suche. Erblickt das Tier dann die 
Magd, so springe es sofort in ihren Schoß und schlafe dort ruhig ein. 
Als älteste Darstellung des Einhorns bei der Szene der Verkündigung 
ist das Antependium der ehemaligen Nonnenabtei Göß in Steiermark 
bekannt. Von den Rundmedaillons zeigt das mittlere Maria als Himmels- 
königin, das linke die Anbetung der heiligen drei Könige, das rechte Medaillon 
endlich die Szene der Verkündigung in höchst primitiver Auffassung. Im 
leeren Raume zwischen Maria und dem Erzengel ist ein ganz kleines Ein- 
horn mit wagrecht nach vorn gerichtetem Horn zu sehen. Diesen Altar- 
behang verfertigte im XIII. Jahrhundert Äbtissin Chunegunde, die sich auch 
mit einer Herde, ihre schutzbefohlenen Frauen des Klosters bezeichnend, 
als Geschenkgeberin kniend dargestellt hat. Ihr gegenüber kniet Adala als 
Stifterin des Klosters. Auf einer Dalmatika im gleichen Besitz ist ein Einhorn 
allein dargestellt und als „spiritualis unicornis" bezeichnet. Wir haben im 
Antependium von Göß eigentlich einen sehr wichtigen Beleg für die histo- 
rische Entwicklung der mystischen Jagd. Der Erzengel Gabriel ist nicht als 
Jäger gekennzeichnet und das Tier nähert sich scheinbar in voller Ruhe der 
 
Antependium aus Kloster St. Ottilienberg. Vormalige Sammlung Graf Üxkllll-Gyllenband
	        

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