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Volltext: Monatszeitschrift X (1907 / Heft 12)

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ließ. Der Verfasser stützt sich hiebei auf Darstellungen auf ägyptischen Bau- 
denkmälern, auf Stellen im alten Testament, auf Ausführungen der alten 
Klassiker, auf einen Bericht des französischen Konsularagenten Fresnel und 
schließlich auf Erzählungen, die er selbst von einem Bettelmönch und von 
einem Sklavenhändler in Afrika vernommen. Wie wenig es der Autor mit 
seiner Arbeit ernst genommen hat, geht daraus hervor, daß er am Schlusse 
seines Buches ein Horn im Besitz der vormaligen Ambraser-Sammlung dem 
Einhorn zulegt, das er aber zu einer genaueren Untersuchung nicht in die 
Hand nahm, obwohl er die Sammlung persönlich besuchte. Seine Aus- 
führungen schließt er mit den Worten: „Wenn der Inhalt dieses Buches bei 
dem Leser einige Zweifel über die Existenz des Einhorns vernichtet, wird 
sich der Verfasser befriedigt fühlen und darf sich wohl der Hoffnung hingeben, 
daß uns weitere Forschungen nicht bloß Berichte, sondern das Tier selbst 
zum Vorschein bringen werden." 
Die in den Grotten von Beni-Hassan am Nil und im Höhlentempel von 
Kalabsche in Nubien dargestellten Tiere sind unschwer als Antilopen zu 
erkennen. Es ist der Orix, die stärkste Gattung der afrikanischen Spieß- 
böcke, die auch in den Gemächern der Cheops-Pyramide wiederholt abge- 
bildet sind. Als der eigentliche Orix der Alten erscheint die Beisa, ein 
kräftiger und schwerer, im Gegensatz zu den übrigen Antilopen äußerst 
mutiger Spießbock, der keinen Gegner scheut und gereizt, sogar Löwen und 
Leoparden angeht. Konrad v. Gesner beschreibt ihn folgendermaßen: „Er 
wohnet in den Wäldern, ist anderen wilden Thieren gar auffsätzig und gantz 
weiß, außgenommen das Maul und Wangen, hat ein" starckes, fettes und dickes 
Genick, mit hohen auffrechten, schwartzen und gantz scharpffen Hörnern 
gezieret, die also harte und veste sind, daß sie Eysen und andere Metall, 
auch die Steine übertreffen. Seine Natur und Art ist ganz wild und grausamb, 
dann er entsetzt sich nicht für dem Bellen der Hunde, achtet auch nicht das 
Kreischen des Ebers, noch das Blöcken des Stieres, noch das Brüllen des 
Löwens, auch nicht die traurige Stimm des Panterthiers, läst sich auch nicht 
durch Menschengewalt und Stärcke bezwingen, sondern es bringt zum öfftern 
auch den allerstärcksten Jäger umb sein Leben. ]a sie selbst bringen biß- 
weilen einander umb ihr Leben. Es schrieben etliche, daß solche Thiere 
allein mit einem Horn sollen versehen seyn, so sollen auch an etlichen Orten 
einhörnige wilde Geyssen gefunden werden." 
Diese im XVI.]ahrhundert verfaßte Schilderung des Spießbocks stimmt 
mit den Eigenschaften, welche das Mittelalter dem Einhorn zulegte, ziemlich 
überein. Der majestätische Eindruck, den die Beisa auf den Beschauer 
macht, erklärt zur Genüge die Bewunderung der Alten, die Verehrung im 
Mittelalter, das Stärke und Kühnheit allen anderen Tugenden an die Spitze 
stellte. Die wenigen, die das Tier in seiner Heimat gesehen, schilderten es 
mit Übertreibung und so entstand aus dem fahlgrau oder gelblichweiß 
farbigen Spießbock mit zwei geraden, von der Wurzel an geringelten Hörnern 
das weiße Einhorn der Sage. Die älteste christliche Zeit hat dabei am meisten
	        

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