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Volltext: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 8 und 9)

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Nirgends hat sich die künstlerische Gestaltungskraft Grolls ebenso wie 
seine Beherrschung großer räumlicher Flächen vorzüglicher bewährt als 
hier in Haindorf und namentlich in der malerischen Ausschmückung der 
Kuppel. Auch in stilistischer Beziehung ist die Arbeit höchst bemerkenswert. 
Nirgends eine Spur von der dogmatischen Befangenheit oder süßlichen 
Gefühlsseligkeit, in welche die moderne religiöse Malerei so leicht verfällt; 
nirgends auch eine Spur von der spielerischen Leichtfertigkeit, mit welcher 
dem historischen Barock oft heidnische und christliche Gedanken- und 
Bilderwelt ineinandertließen. Alle 
Gestalten sind vom Pathos 
menschlichen Lebens und Lei- 
dens erfüllt, machtvoll in der 
Bewegung, ausdrucksvoll in der 
Geste bis in jedes Fingerglied 
der wundervoll durchgebildeten 
Hände hinein; und nur die ge- 
flügelten Engelsgestalten, welche 
hier als teilnahrnsvoll bewegte 
Zuschauer und stellenweise als 
Mithandelnde die Szenen be- 
gleiten, erinnern an den trans- 
zendenten, übernatürlichen Cha- 
rakter der dargestellten Vor- 
gänge. Sie sind dem Künstler 
überdies unentbehrlich, um die 
großen Flächen neben und über 
den handelnden Personen zu 
füllen, und gestatten auch, eine 
Reihe fein abgewogener Farben- 
wirkungen in den koloristischen 
Aufbau des Ganzen zu bringen. 
Abb 15 Der Künstler bei der Arbeit in der Kuppel der Kirche wie in bezug auf Charakteristik 
' ' aufdm, Pömingbmg, und Ausdruck hat der Künstler 
in den Haindorfer Fresken auch 
in bezug auf die Farbenwirkung merkliche Fortschritte gemacht. Man fühlt 
die wachsende Vertrautheit mit dem großen Stil der Flächenbehandlung, 
die wachsende Vertrautheit mit der spröden Technik des Freskos, welche 
fast keine Korrektur des einmal Gemalten gestattet als das Wiederherunter- 
schlagen, und die größte Sicherheit in der Berechnung der Wirkungen 
verlangt (Abb. 16). Wenn man bedenkt, daß die gesamte Ausmalung der 
Kuppel das Werk eines einzigen Sommers war (1906) und daß der Künstler 
damals schon den Keim zu der Todeskrankheit in sich trug, welcher er fünf 
Vierteljahre später erlag, so staunt man über die Kraft dieser Arbeitsleistung 
und über die Sicherheit technischen Könnens, mit welcher dieses Werk, 

	        

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