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Volltext: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 10)

endlich wurden leider auch verschiedene Kräfte zur Erprobung eines Könnens zugelassen, 
dem einige weitere Semester ernsten Studiums ganz gewiß nicht zum Schaden gereichen 
dürften. Rohe Mache, die außerdem nicht voll entwickeltes Formenverständnis verrät, sollte 
im Interesse der vortrefflichen Gesamtwirkung bei solchen Gelegenheiten nicht in allzu auf- 
fallender Weise sich verdrängen. Sicher ist, daß das Empfinden für große, zur Architektur 
in Beziehung stehende Flächen kein hervorragendes Merkmal der heutigen Malerei ist. Sie 
stand allzulange unter dem einseitigen Regime des Goldrahmens und seiner fatalen Eigen- 
schaften. Die Ausstellung „München 1908" bedeutet vielleicht darin einen Wendepunkt, 
hat sie doch der Architektur wieder jene Rolle zugewiesen, die ihr zukommen muß, soll der 
Begriif„l(unst" nicht ein durchaus einseitiger werden. Hier ist die Verbindung aller Gebiete 
künstlerischer Arbeit Tatsache. Die Arbeitsgebiete der mannigfachsten Art existieren nicht 
neben-, sondern miteinander. Darin beruht die Wichtigkeit der ganzen Sache. München hat 
den Ruhm, dies in einer, jedes kleinliche Ausscheiden der einzelnen künstlerischenSchaffens- 
gebiete vermeidenden großzügigen Weise zum Ausdruck gebracht zu haben. Dadurch und 
durch die Art, wie das produktive Leben einer Großstadt zum künstlerischen Bild vereinigt 
worden ist, hat es sich seine alte Rangstellung neuerdings gesichert. 
Die „Schulausstellung" bildet unter der unglaublichen Menge des Gebotenen einen ganz 
besonders hervorragenden Teil. Nicht im Sinne eines ad hoc gemachten Extrakunststücks, 
nicht im Sinne einer zwecks öffentlicher Schaustellung unternommenen Extra-Arbeit, so 
wie man sie etwa bei Prüfungen und so weiter zu sehen bekommt, ist sie zusammengestellt, 
vielmehr enthalten 22 Säle die Darstellung des Volksschul- und des daran anschließenden 
Lehrwerkstätten- und Fortbildungsschulgangs, wie er sich seit der neuen von Dr. Georg 
Kerschensteiner eingeführten Organisation regelmäßig abwickelt. Erhält auch die unter der 
Einwirkung dieser vorzüglichen Institutionen heranwachsende Generation in künstlerischer 
Beziehung entschieden weit mehr Anregung als frühere dadurch, daß von früh auf dem 
Zeichnen, besser gesagt: der Bildung des Auges, der Entwicklung der Beobachtungsgabe 
größere Wichtigkeit beigemessen wird als das zuvor geschah, so handelt es sich doch 
nicht ausschließlich um Verfolg künstlerischer Zwecke, sondern weit mehr darum, den 
Anschauungsunterricht, das damit in engster Beziehung stehende selbständige Erfassen des 
Wesens der Dinge und des Zusammenhangs derselben unter sich auf eine höhere Stufe, 
als sie bisher erreicht wurde, zu heben. 
Der Unterschied gegenüber früher befolgten Maximen besteht in der konsequenten 
Festhaltung und Durchführung des Grundsatzes, aus den Kindern möglichst viel herauszu- 
holen, nicht wie sonst, sie möglichst mit Lernstoß" zu beschweren. Das Zeichnen wird 
Ausdrucksmittel; es soll die Vorstellungskraft möglichst gut zur Entwicklung bringen, 
mehr dem kindlichen Drang der Produktivität Vorschub leisten, als der Rezeptivität 
dienen. Die Wege eingehend zu charakterisieren, welche zu diesem Behuf eingeschlagen 
werden, die aus gründlichen psychologischen Studien hervorgegangenen, nicht bloß dern 
Namen nach pädagogischen Maßnahmen zu kennzeichnen, die aus der Lernschule alten 
Systems eine Arbeitsschule machen, dazu ist leider hier der Raum nicht vorhanden. 
Vergleicht man die graphisch niedergelegten Resultate dieses an den Münchner städtischen 
Volksschulen eingehaltenen vortrefflichen Anschauungsbildungsgangs und des damit ver- 
bundenen Zeichenunten-ichts mit den in letzterem Fach erzielten Resultaten der staatlichen 
Mittelschulen, also „höherer" Bildungsanstalten (deren Schüler eine gründliche Bildung 
des Auges, zumal wo es sich um künftige Techniker, Naturwissenschaftler aller Zweige 
und so weiter handelt, dringend bedürften), so schneiden letztere, zumal die humanistischen 
Gymnasien keineswegs vorteilhaft ab. Sie erscheinen vielmehr rückständig, den Fragen der 
Zeit gegenüber völlig verschlossen. In den höheren Klassen der Münchner Volksschulen 
treten weiter, den amerikanischen „Manual training classes" entsprechend, auch hand- 
werkliche Lehrkurse hinzu; für die im Zeichenfach ganz besonders Begabten existiert eine 
„Zentralschule", deren Resultate - es sind ihrer nicht wenige - einfach verblüffend 
genannt werden müssen. Es finden sich darunter Arbeiten, die sowohl der Auffassung als
	        

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