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Metadaten: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 5)

ihrer ersten Äußerung offenbart die Glasmalerei einen engen Zusammenhang 
mit der gleichzeitigen Deckmalerei, wie das ja auch nicht anders zu erwarten 
ist. Ihre nächsten Verwandten stellen die so überaus interessanten frühesten 
Wandmalereien in Burgfelden (Jüngstes Gericht) und auf der Reichenau dar; 
Werke, die den deutschen Sinn für dramatische Deutlichkeit freilich in 
stärkerem Maße ausgeprägt haben als die naturgemäß starr frontalen 
Glaspropheten. 
Während sich nun in Frankreich vor allem im Anschluß an die goti- 
schen Kathedralen das streng architektonische Fenster des XII. und 
XIII. Jahrhunderts ausbildet, das den steilen Rhythmus der Bauglieder in 
sich nachschwingen läßt und vor allem für einen berauschenden Reichtum 
an Farbigkeit sorgt, der bei der ungeheuren Ausdehnung der Fenster alle 
I-Iallen der Riesenkirche erfüllt, mit einer förmlich greifbaren Stofflichkeit 
der gesättigten Aureole, so bietet die romanische Baukunst des gleichen 
Zeitraums dem deutschen Glasfenster nur sparsame Möglichkeiten. Es geht 
ihm wie der Plastik: die Gewichtigkeit der Wand- und Pfeilermassen drückt 
beide auf engen Raum zusammen, und an die I-Iochflut der Statuen und 
Fenster, die das magere Pfeilergerippe der nordfranzösischen Kirche erst mit 
Fleisch überziehen, ist bei der Strenge der romanischen Bauideen nicht zu 
denken. So öffnet eigentlich erst der Übergangsstil nach 1200, die glückliche 
Kreuzung deutschen Raumgefühls mit gallischer Konstruktivität, im wahrsten 
Sinne das Feld für ausgedehntere Scheiben, und damit entsteht sogleich das 
romanische deutsche Fenster, im Grunde sehr verschieden von dem spiri- 
tuellen der Gotik. In Kappenberg (wo sich ein Meister Gerlach mit gutem 
Recht verewigt), in St. Kunibert zu Köln und in der Elisabethkirche von 
Marburg vollzieht sich die Vollendung des Monumentalfensters, in den 
Gegenden, welche die Blüte des Übergangsstils erleben, und in drei 
Stufen. Die letzte in Marburg um 1250, bereits in einem völlig gotischen 
Bau, so daß die Unabhängigkeit der nationalen, das ist romanischen Malerei 
sich mit glänzender Unbekümmertheit offenbart; gleichwohl nicht die 
höchste, wenn auch berühmteste. Die reinste Ausprägung findet dieser 
nationale Stil vielmehr in der (nachromanischen) Kirche von St. Kunibert, 
die 1248 geweiht ist und in sechs Fenstern Heiligenliguren und Szenen ent- 
hält, die mit der ornamentalen Dekoration zu einem unlöslichen Ganzen 
verschlungen sind. Das altgermanische Grundgefühl in den bandartigen 
Rahmungen und den Verschlingungen des Ornaments und die Gleich- 
berechtigung (nicht Überordnung!) des Figürlichen mit ihnen ist von der 
herrlichsten Wirkung, während in Marburg Figuren wie Szenen in Rahmen, 
mit schleppender und malerisch-weicher Gewandung, viel isolierter vor dem 
teppichartigen Hintergrunde stehen und darin bereits leise die Hinwendung 
zu den statuarisch-architektonischen Motiven der Gotik andeuten. 
Neben den Hauptwerken laufen stilgleiche, aber weniger bedeutsame 
Arbeiten her in Lohne, Gelnhausen, Bucken a. W. und andern Orten. Aber 
es soll und wird künftig nur auf die schöpferischenMeisterstücke hingewiesen
	        

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