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Volltext: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 12)

dieselben Motive, die in dem linken unteren Teile unserer Kasel miteinander 
abwechseln". Sehr bemerkenswert ist die I-Ialberstädter Arbeit noch dadurch, 
daß über dem wagrechten und links neben dem senkrechten Stickereistreifen 
(in der Reproduktion allerdings kaum mehr kenntlich) ganz schmale gewirkte 
Borten aus Gold und bunter Seide laufen, auf denen wieder genau dieselben 
Ornamente zu sehen sind, so daß man annehmen kann, daß hier die offenbar 
aus dem Süden eingeführten Borten das unmittelbare Vorbild der Stickerei 
geboten haben. 
Da wir durch die Rekonstruktion der Kasel die Rätsel, die uns die an- 
dern Stücke bieten, zum großen Teile schon gelöst haben, können wir bei der 
Betrachtung dieser andern Teile rascher vorgehen. Die Abbildung auf Seite 643 
bietet uns zunächst die Rückseite der Dalmatika, des Diakonengewands, 
in hängendem, die Abbildung auf Seite 645 in gespanntem Zustande, die Ab- 
bildung auf Seite 647 die Vorderseite. Es ist zunächst wieder ganz klar, daß 
sich die Dalmatika nicht im ursprünglichen Zustande befinden kann, da 
von der Hauptdarstellung der Vorderseite oben ein großer Teil fehlt. Die 
Dalmatika muß länger, und zwar nach oben und nach unten hin ausgedehnter 
gewesen sein; dagegen ist die Breitenausdehnung, wenn man vom untersten 
Teile absieht, so ziemlich gesichert, da die keilförmigen Stücke zur Seite 
in der Hauptsache offenbar in ursprünglicher Weise an die Mittelteile an- 
setzen. Man sieht dies zum Beispiele schon bei den unvollständigen Quadraten 
der Vorderseite, wo rechts der Vogel und links das baumartige Gebilde auf 
die unregelmäßige Form Rücksicht nehmen. Nur wo die keilförmigen Teile 
der Vorder- und Rückseite aneinandersetzen, sind nicht mehr die ursprüng- 
lichen Enden der Stickerei erhalten. 
Unbedingt nicht im ursprünglichen Zustande sind jedoch die oberen 
Teile der Vorderseite und die Ärmel". _ 
Der eine Ärmel scheint, nach der verschiedenen Stellung der dargestell- 
ten Tiere, allerdings von Anfang an ein Ärmel gewesen zu sein; die andern 
Teile gehören aber bis auf kleine Stücke (mit den Kreisen), die von der noch 
"' Zu vergleichen wären auch die Ornamente des Dorsales von Drübeck, das aber weit jünger ist als 
unser Ornat [„Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen", VII. Heft (Grafschaft Wernigerode), Seite 39] 
und die Stola des heiligen Edmund im Schatze von Sens [De Farcy, am angeführten Orte, Tafel 13] sowie 
die Gewandmusterungen auf der Cappa von Hildesheim im South-Kensington-Museum (ebenda Tafel 20). 
"' In dem verdienstvollen Werke Josef Brauns „Die Liturgische Gewandung" (Freiburg i. B. 1907, 
Seite 272) ist die Rückseite unserer Dalmatika abgebildet und dabei (auf Seite 273) folgende Bemerkung 
gemacht: „Die einzige mit Bildwerk bestickte Dalmatika aus dem XIII. jahrhundert, welche im wesentlichen 
wohlerbalten auf die Gegenwart gekommen ist, befindet sich zu Göß in Steiermark . . . Die Veränderungen, die 
mit ihr vorgegangen sind, bestehen in der Hauptsache bloß in einer Verkürzung ihrer Länge und in einer Ver- 
größerung des Halsausecbnitts . . . Ein Kunstwerk und schön kann die Dalmatika nicht gerade genannt werden, 
dafür ist die Arbeit zu derb, das Arrangement zu unruhig und die Farbengebung zu bunt, aber sie ist interessant 
und kunstgeschichtlich unzweifelhaft aller Beachtung wert." Hierzu muß nun bemerkt werden, daß die Bemer- 
kung über das „unruhige Arrangement" in dem Augenblicke nicht mehr zutrifft, wo festgestellt ist, daß gerade 
die von Braun abgebildete und offenbar hauptsächlich in Betracht gekommene Seite sich in ihrem ganzen oberen 
Teile durchaus nicht im ursprünglichen Zustande befindet, sondern ganz willkürlich eingesetzte Stücke der Kasel 
enthält. Wenn man unter Buntheit der Farbe Unruhe versteht, so trifft dies soweit zu, als gerade an diesem 
Stücke größere Beschädigungen stattgefunden haben und die Farben sich daher nicht mehr wie ursprünglich 
das Gleichgewicht halten. In gewissem Sinne derb sind die Formen; aber derb (und herb) ist noch nicht un- 
schön oder unkünstlerisch.
	        

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