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Volltext: Monatszeitschrift XII (1909 / Heft 5)

Sprachgebiet eines der schlagendsten und der umfangreichsten Beispiele 
hierfür. Widersinnige Überbauung großer Terrains hat dort des Unschönen 
und Unzweckmäßigen, um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen", 
so viel geschaffen, daß die in Aussicht genommene Herstellung eines Planes, 
der den Namen „Groß-Berlin" wirklich rechtfertigt, in hundert und aber- 
hundert Punkten mit unverzeihlichen Sünden zu kämpfen haben wird, 
begangen und gut geheißen unter der Aufsicht von Gesetzeswächtern in 
nicht weit zurückliegenden Zeiten, vielleicht auch heute noch nicht unter- 
bunden. Darüber helfen selbst wohlwollende Verschönerungsbestrebungen, 
wie sie sich im neuen Dome, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in 
der Siegesallee, dem Rolands-Brunnen und andern Schöpfungen gleicher 
Richtung kundgeben, nicht hinweg. Wo wichtige große Forderungen über- 
sehen wurden, helfen kleine Nachtragskreditbewilligungen von zweifelhafter 
Güte nicht aus, vorhandene Blößen weit wichtigerer Art zu decken. - Berlin 
hatDeutschland zwar den Siegeszug der Mietskaserne und damit die rasche 
Schaffung großer Vermögen, die nicht aufs Konto geleisteter Arbeit, sondern 
ausschließlich auf das der rapiden Bevölkerungsvermehrung zu schreiben 
sind, bescheert, gleichzeitig aber auch die abschreckendsten, nicht mehr 
korrigierbaren Beispiele neuzeitlichen Städtebaues und deren verderbliche 
Fernwirkung. Vermöge des Ansehens, welches die Anordnungen einer 
Reichshauptstadt genießen, mögen sie noch so unzweckmäßig, ästhetisch 
noch so verwerflich sein, wurden Verkehrtheiten in größter Zahl weit hinaus 
getragen, von Kommune zu Kommune übergeimpft. Die sonst nicht leicht 
versagende kritische Ader der Berliner reagierte diesen dimensional nicht 
gerade kleinen Verfehlungen gegenüber erst, nachdem es zu spät war. Das 
nämliche trifft fast überall zu. Es war ganz einfach, als sei die Welt der 
baulich Gebietenden mit Blindheit geschlagen. 
Den ersten kräftigen Anstoß zu einer, aller Oberflächlichkeit baren, wirklich 
ernst gearteten Lösung der immer mehr an Wichtigkeit gewinnenden Sache 
des Städtebaues gab Süddeutschland. Er kam von Wien. Camillo Sittes Name 
wird für immer mit der Wiederbelebung aller, den Städtebau als soziales und 
künstlerisches Problem betreffenden Fragen in erster Linie genannt werden. 
Er hat den Stein ins Rollen gebracht. Was er zuerst und allein erstrebt, 
dafür sind heute, wenige jahre nach seinem Tode, an mehr als einer tech- 
nischen Hochschule Lehrstühle errichtet. 
Merkwürdig ist, daß England, dessen EinHuß auf dem Gebiet des 
Kunstgewerbes für den Kontinent von höchster Bedeutung wurde, des 
"i Man wird vielfach unwillkürlich an Morris Ausspruch (Die Aussichten der Architektur in der Zivili- 
sation) über London erinnert: „Wir befinden uns hier in der reichsten Stadt des reichsten Landes des reichsten 
Zeitalters der Welt. Kein Luxus vergangener Zeiten kann mit unserem Luxus verglichen werden. Und dennoch 
müssen Sie, wenn Sie sich von Ihrer zur Gewohnheit gewordenen Blindheit freimachten, gestehen, daß es kein 
Verbrechen gegen die Kunst, nichts l-läßliches, nichts Gemeines gibt, an denen nicht die modernen Köten 
(Häuser der Armen) in Bethnal Green genau ebenso teil hätten wie die modernen Paläste im Westend. Und wenn 
Sie diese Lage der Dinge ernsthaft prüften, würden Sie nicht darüber klagen, sondern froh darüber sein. Und 
wenn Sie an einem bemerkenswerten Exemplar der erwähnten Paläste vorbeigingen, in der Tat frohlocken 
und sagen: „Dies ist alles, was Luxus und Geld zur Verfeinerung des Lebens tun können."
	        

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