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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1867 / 16)

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Die geologische Besr-hadcixheit eines Landes, die Qualität des vorhandenen Bau- 
materiales hat von jeher einen leicht begreitlichen Einduss auf den Charakter der Bau- 
werke desselben ausgciibt. Die assyrisclnen Basreliefs und namentlich die daehen geiliie 
gelten Riesenthiere lassen die schichtförmige Absonderung des Gebirges noch auf dem 
vollendeten Kunstwerke erkennen. Die schönen Massen von Granit, Syenit, Hnrnhlexurlee 
fels und schwarzem Kalkstein, welche Egypten besitzt, haben die Errichtung der Mono- 
lithe möglich gemacht, welche wir heute noch bewundern. An dem weissen Marmor vom 
Berge Hymettßs, Penteleusis und der Insel Perus ist die hellenische Kunst gross gewachsen. 
Gothisches Masswerk konnte nur in einem Lande ersonnen werden, das einen so weichen 
und doch so dauerhaften Stein besitzt, wie der Cslcsire de Caän in der Normandie. Von 
den Brüchen von Csrrars ist ein grosser Theil der italienischen Renaissance ausgegangen, 
welche an antike Vorbilder sich anschliessend auch ein ähnliches Gestein benützte, und 
die Weichheit des Gypssteines vom Montmartre hat einen unbestreitbaren Einduss auf die 
decorßtive Ausbildung der neueren Archituktonik von Paris ausgeübt. 
So darf man bis zu einem gewissen Grade jeden dieser Banstyle als das Product 
von zwei verschiedenen Factoreu ansehen, nämlich dem Genius des Meisters und seiner 
Zeit auf der einen Seite und der Beschatfenheit des von der Natur dargebotenen Materials 
auf der anderen Seite. , , 
Auch die österreichischen Steinbrüche haben ihre Geschichte. Wenn auch bei uns 
keiner der massgebenden Bsustyle seine Wiege fand, so hat doch je nach dem herrschen- 
den Geschmacks dio Art der benütsten Gesteine sich mit den Jahrhunderten mehrmals 
iindert. 
ge Man kann mehrere Epochen höherer Baulust und einer grösseren Ausbeutung der 
Steinbrüche unterscheiden. Die ernte Epoche fällt hauptsächlich in das I2. bis I5. Jahr- 
hundert, und umfasst die romanische und gothische Zeit, zugleich die Zeiten des Herzogs 
Rudolplfs IV. in Niederösterreich und Kaiser Carl's XV. in Prag. Sandstein und Kalk- 
stein, insbesondere Arten, welche leicht mit dem Meissel zu bearbeiten sind, wie die Sand- 
steine der Kreide-Formation im nördlichen Böhmen und die tertiären Knlksteine der Nie- 
derung von Wien, waren um diese Zeit gesucht. 
Die zweite Epoche umfasst vorzüglich das 17. und 18. Jalirh" die Zeit der Erbauung 
der grossen Stiftskirchen in Oesterreich und des sogenannten Zopfstyles. Bunte politur- 
fähige Mannorsrten kennzeichnen sie und die älteren silurischen Kalksteine des Brruunvr- 
Kreises, so wie die rothen, gelben, geäderten oder breccienartigen Kalksteinc rlw-r Alpen 
waren besonders beliebt. Admont, Lilienfeld und andere geistliche Stifter eriiduxrtmn für 
ihren eigenen Bedarf grössere Brüche. Von Krzezowicc bei Krakau ging der schwarze 
Marmor, als Materials für die gewundenen Schäfte der Altarsiiulen, durch ganz Süd- 
Deutschland. 
Die Brüche dieser zweiten Kuggorie sind fast ohne Ausnahme aufgelassen, jene in 
den Ostalpen sind grösstentheils verstürzt, und nur durch dichtes Gestriippe dringt man 
zu dem schwarzen Marmor von Knezowice. Jene Brüche allein, welche in der Ilmgegeixd 
von Salzburg durch baulustige Kirohenfürsten entstanden und durch die Nlihe Buicrns in 
neuerer Zeit einigermasseu belebt worden sind, erfreuen sich heute noch eines etwas aus- 
giehigeren Betriebes. 
Die neueste Zeit hat sich hauptsächlich wieder den Gesteinen der ersten Epoche 
zugewendet, während alle jene Sorten, welche durch ihre Rürbung als Decorationsmittel 
dienen, heutzutage weniger in Gebrauch stehen. 
Die grosse Aenderung, welche im Laufe der letzten Jahrzehnte in unseren Lebens- 
verhältnissen überhaupt eingetreten ist, übt auch hier ihren Einduss. Die fortschreitende 
geologische Erforschung der Gebirge und die neuen Coxnmunicationsmittel stellen dem 
Künstler eine weitaus griissere Auswahl an Materials zu Gebote, und haben, indem sie die 
Preise der verschiedenen Steinsorten hcrabdrückten, eine weit griissere Verwendung der- 
selben möglich gemacht. So wenigstens ist es in Belgien, Frankreich und überall dort, 
wo eine befruchtende Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Zweigen geistiger Thiis 
tigkeit eingetreten ist, und die Erfolge auf dem Gebiete der schönen Künste einen hervor- 
ragenden Gegenstand des Stolzes für die Regierungen, wie für die Regicrten ausmachen. 
Leider muss eingestanden werden, dass die Architektur bei uns aus den veränderten 
Verhältnissen der Neuzeit noch lange nicht alle jene Vortheile gezogen hat, welche ihr 
geboten sind, dass im Gegontheile der ausserordentliche Rcichthun: unserer Berge nur an 
den wenigsten Punkten erschlossen ist, und dass die Auswahl der Materialien bei mun- 
chen neuen Bauten deutlich die mangelhafte Kenntniss des vorhandenen und den zurück- 
gebliebenen Zustand der Ausbeutung verrlth. 
Dort, wo Bruchsteine und insbesondere wo Marmor durch lange Zeit in grossem 
Msssstabe zur Verwendung kam, hat sich in der Regel eine eigene Nomenclstur für die 
einzelnen Steinsorten gebildet, und diese war, wie aus Strebe, Pliuius und insbeson-
	        

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