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Full text: Monatszeitschrift XII (1909 / Heft 6 und 7)

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Der Künstler von einst mit wallenden Locken, in der Sammtjacke, in romantischer 
Pose ä so hält Gustav Richter seinen nackten Sohn als Dionysosknaben mit der Cham- 
pagnerschale zum Fenster hinaus in die Neujahrsnacht _ und der Künstler von heut, der 
nicht mehr als phantastische Erscheinung wirken will, sondern aussehen wie ein Welt- 
mann. Und der Typ dafür ist in dieser Gesellschaft Arthur Kampf, Professor und Akademie- 
direktor. Sein Selbstbildnis im Leinwandkittel zeigt auf strammem Körper das forsche 
scharfäugige Gesicht eines Rittergutsbesitzers und Landwehrrittmeisters. 
Kampf ist hier noch vertreten durch ein Bild aus der von ihm oft gewählten Zirkus- 
und Varietesphäre. Der Clown heißt es, und kreidig im violetten Lichtdunst taucht der 
melancholische Pierrot aus dem Hintergrundsdunkel der Schaubude. 
Ein geschmackvolles Porträt gibt Heilemann von Tilly Waldegg, kulturwitzig in der 
Eugenietracht, im Volantkrinolinenrock des zweiten Kaiserreichs mit dem Pompadour- 
knicker, dem umklappbaren Fächerschirmchen, dem Baretthut mit den herabhängenden 
Schärpenenden. 
Falat bringt eine blauweiße Schneestimmung aus Litthauen, eine gläsern starrende 
Fläche mit schiefbunter Holzhütte im Vordergrund. Bantzer stellt einen alten Ernte- 
arbeiter in das gelbe Feld, in die Sonnenglut; ausgedörrt, Haut und Knochen ist der Mann, 
und sengende Hitze des Hochsommertages brütet über dem Bild. 
Dem Monumental- und Flächenstil, dem dekorativen Wandgemälde, wie er in der 
Sezession durch Hodler gemeistert wird, gehen auch hier einige nach. 
josze Goossens mit seinem Tableau der Einführung der Büttenpapierfabrikation in 
Berg-Gladbach durch Holländer, r 588, und Egger-Lienz mit dem Totentanz von Anno Neun. 
Goossens kommt nicht über eine oblatenhaß ausgeschnittene und geklebte Schilderei 
hinaus. An Egger-Lienz aber ist etwas. Diese rotbraune Fläche, diese lehmig knetigen 
aneinander gebackenen Gestalten voll stumpfen Elends, unerbittlich belastet, daherstapfend 
unter Morgenstern und Hellebarde auf ungefugen Füßen, das ist mit wuchtig packendem 
Griff modelliert. 
Durch eigene Physiognomie fallt Walter Sickert auf. In seinem Bilde der Noctes 
Ambrosianae starren aus dem Dunkel zwischen den eisernen Stangen der Galeriegeländer 
bleichgraue Gesichter. Es hat etwas vom Daumier-Klima. 
Kollektivausstellungen bilden kleine Inseln in der uferlosen Flut. 
Carl Vinnen hat seine Marinen versammelt voll triefender Art-du-Feu-Töne und 
glitzigem Schmelz. 
Zwei Stilkünstler bauen ihre Traumbühne auf: Oskar Zwintscher und Hans Unger. 
Zwintscher gibt dekorative Bildnisse in Blumen, mit den Akkorden der Seide, des 
Goldes und der Perlmutter und bannt verwandelnd seine Modelle in diese außermensch- 
liche Sphäre, aber er fixiert auch mit seelenbeschwörendern Blick Wesen und Persönlichkeit 
künstlerischer Naturen. 
Unger spielt auch mit Blumen und Menschen und einen Akt läßt er unter dem schim- 
mernden Gefieder eines Paradiesvogels farbig erschauern. Exotische Sinfonien leuchten 
in dumpf rauchiger Koloristik ähnlich tieRonigen Lederrnosaiken. Und bei gelb zuckigen 
und zackigen Blumen und Früchten denkt man beinah an van Gogh. F. P. 
ERLINER SEZESSION 190g. Die Berliner Sezession vollendet in diesem 
Sommer ihr zehntes Jahr _ wie sie begann, so hat sie sich bis heut gehalten: 
Aundoktrinär, frei von gebundener Marschroute, weitherzig allem Persönlichen aufgetan. 
So sieht man auch diesmal eine Fülle der Gesichte und Temperamente und deutlich 
läßt sich für den künstlerischen Meteorologen erkennen, welches die Sehnsüchte und Ziele 
der jüngsten Generation sind. 
Das ist nicht mehr das realistische Momentan-Erfassen mit der Illusion eingefangener 
Lebensaugenblicke, das ist vielmehr ein starker neuerwachter Drang zur bildnerischen 
5c"
	        

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