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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 2)

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Wir betreten zuerst das Mutter- 
land der meisten kunstgewerblichen 
Techniken, das Land, in dem auch viele 
der Urformen geschaffen wurden, die 
jede spätere Künstlergeneration in ihrer 
Art mit neuem Leben erfüllte - das 
alte Ägypten. Hier wie bei den wun- 
dervollen Werken der kretisch-mykeni- 
schen K-ultur, die sich an sie anreihen, 
stehen wir vorLeistungen von ursprüng- 
licher Kraft und Ausdrucksfähigkeit. 
Über die Unbeholfenheit der Technik 
hinweg führt eine Gestaltungskraft, die 
aus jedem Material so sicher die natür- 
liche Formensprache zu holen vermag, 
die jedem Zwecke so unmittelbar durch 
schöne und überzeugende Bildungen zu 
entsprechen weiß, daß spätere Genera- 
tionen oft mit den vollkommensten 
Hilfsmitteln keine wirksameren Werke 
schaffen konnten. 
Das Geheimnis der dekorativen 
Wirkung ist in ihnen voll beherrscht, 
man fühlt in ihnen den Abglanz einer 
hochstehenden Kunsttätigkeit, deren 
Zug zur Monumentalität die kleinsten 
Werke durchdringt. Die eingehende Darstellung dieser Perioden ist darum 
von größtem Werte. Jene formale Vollendung, zu welcher die klassische 
Kunst der griechischen und römischen Blütezeit aus den Überlieferungen 
dieser Meister gelangte, vermag nicht immer auch dieselbe zwingende und 
ursprünglich packende Wirkung zu üben. Hingegen ist ihr der Liebreiz und 
der Formenreichtum eigen, der einer sinnenfreudigen, lebensfrohen und zur 
höchsten geistigen Reife entwickelten Kultur Ausdruck verleiht. Der Historiker 
hatte hier eine leichtere, aber vielleicht auch weniger fruchtbringende, weil 
schon zu oft verrichtete Arbeit vor sich. Es ist insbesondere am Gerät und 
an den dekorativen Prinzipien des Wandschmuckes zu fühlen, wie dann 
das Vermächtnis der antiken Welt durch den Glaubensfanatismus des 
erwachenden Christentums mit fester Hand aufgegriffen wird. 
Der neue Glaube und mit ihm die neue Welt und Lebensanschauung 
Finden in den Werken des altchristlichen Kunstgewerbes und der Dekoration 
die kraftvolle, innige und unmittelbare Ausdrucksweise wieder, welche den 
ersten schöpferischen Perioden heidnischer Kultur eigen ist. Es herrscht 
wieder ein strenger, auf die Gesarntwirkung zielender architektonischer Geist 
der Monumentalität. Die künstlerische Individualität verschwindet wieder 
 
Entwurf zu einem Perspektivgitter von 
F. L. Schmitmer
	        

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