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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 4)

hat eine Bürgerhauskommission eingesetzt, welche soeben den ersten Band einer Folge 
von jährlich erscheinenden Einzeldarstellungen herausgegeben hat. Ziel ist: „die Hebung 
und Mehrung des Verständnisses und der Wertschätzung einer zweckentsprechenden, 
schönen und landesüblichen Bauweise bei Fachgenossen und Laien". 
lm jahre 1907 war eine Propagandabroschüre erschienen, welche die Sammlung 
einschlägigen Materials in einem eigenen Bürgerhausarchiv zu Basel eingeleitet hat. Aus 
diesem ist nun eine Auswahl getroffen worden, die photographische Darstellungen, 
ergänzt durch geometrische Aufnahmen von Grundrissen und Details und erläutert von 
historischen Daten, auf Grund gewissenhafter archivalischer Forschung vorführt. In hand- 
licher Form, übersichtlicher Anordnung behandeln die sorgfältig und technisch einwandfrei 
hergestellten Tafeln einzelne Gebäude nach Ortschaften getrennt; der größte Teil der 
Aufnahmen zeichnerischer und photographischer Art stammt von einem einzigen Archi- 
tekten (P. Siegwart, Aarau), wodurch die Einheitlichkeit erzielt wurde. Der Text, welcher 
viele familiengeschichtliche Quellen benutzen konnte, wurde vom Staatsarchivar Dr. E. 
Wymann, Altdorf, abgefaßt. Die Redaktion des Ganzen lag in den Händen des Archi- 
tekten Dr. phil. C. H. Baer, Zürich. 
Die Sorgfalt und Liebe, welche diesem Unternehmen gewidmet wurde, spricht auch 
aus dem Gebotenen, das mit intimer, anheimelnder Wärme auf den Leser und Beschauer 
wirkt. In solch bürgerlich schlichter und sachlicher Art mul] dieser Gegenstand behandelt 
werden, der eine eingehende Würdigung verdient, bisher aber noch nicht gefunden hat. 
Die Schweiz geht hier mit trefflichem Beispiel voran. Endlich beginnt auch der 
Bürgerstand, sich auf seine alte Kultur zu besinnen und seinen Bautraditionen Augenmerk 
zu schenken. Mit der fortschreitenden Betätigung moderner Baubestrebungen, mit dem 
wachsenden Interesse für das neuzeitliche Familienhaus geht auch die Erkenntnis einher, 
daß das Studium des alten Bestandes um so dringender ist, je rascher sein Untergang erfolgt. 
Heimische Traditionen, ortsübliche Bauweise sind keine leeren Worte. Der vorwärts 
drängende Neuerer mul] es stets wieder erfahren, daß Klima Lage und Baumaterial, daß 
Wohnsitte und Lebensführung nie ungestraft ohne Beachtung bleiben. Wenn ein Bauwerk 
seinen Bewohnern auf den Leib geschnitten werden soll und in eine alte Kulturstätte 
eingefügt werden muß, so dürfen Laune und Geschmack allein nicht herrschen. 
In diesen liebenswürdigen Bauwerken bürgerlicher Herkunft, welche in einem so 
alten Kulturlande, wie die Schweiz es ist, aus der abgeschlossenen Vergangenheit in die 
rastlose, unruhige Gegenwart ragen, ist ein Schatz abgeklärten Könnens, zielbewußten 
Wollens und gefestigter erprobter Überlieferungen enthalten. Aus den familiengeschicht- 
liehen Dokumenten sprechen die menschlichen Schicksale und Beziehungen, die von den 
erhaltenen Denkmalen untrennbar sind. So wird uns ein Ganzes vor Augen und Seele 
gebracht, das zu denken und zu erinnern -- aber auch ästhetisch zu genießen gibt. 
Es wird anspruchslos, ohne wissenschaftliche „Bearbeitung", geboten: eine Samm- 
lung von bildlichen und textlichen Urkunden, welche zur Einfachheit und Natürlichkeit in 
der Ausdrucksweise, zur Materialechtheit und Sachlichkeit des Aufbaues mahnen. Sie 
wollen nicht nachgeahmt, sondern beherzigt werden. 
Da sind reizvolle Stadtbilder festgehalten, wie jenes von Altdorf, und aus ihnen 
herausgegriffen typische Wohnbauten, wie das berühmte Haus der Gebrüder Jauch (1550) 
mit der einfachsten Außenbildung und den schönen getäfelten Stuben, oder das Haus Lusser 
mit seinem Knechtenhaus, und zwar nicht nur indem interessante äußere und innere Details, 
Grundrisse, Schnitte vorgeführt sind. Stets ist auch die Erscheinung des Bauwerks in 
seinem Zusammenhang mit der Umgebung beachtet. Mit feinem Sinn für die künstlerische 
Wirkung im Straßen- und Platzbild, für Raumgestaltung und Silhouette sind die Gebäude 
aufgefaßt, als Teile eines Ganzen, nicht als Einzelleistungen, die man anatomisch zerlegt. 
So bleiben die vorgeführten Leistungen lebendig und wirken auch im Bilde mit jener 
anregenden Frische, die einem Eindruck in der Natur ziemlich nahe kommt. 
Hartwig Fischel
	        

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