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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 6 und 7)

Ihrer Mithilfe führend sein, wird durch das gesprochene Wort der Wissenschaft und 
Praxis den Weg zum Herzen der Menschen finden, wird der Menge, die noch außensteht 
und ungläubig ist, den Glauben schenken, daß auch auf dem für die Familie, das Volk und 
den Staat so wichtigen Gebiete der Wohnungsfrage eine große, segenspendende Besserung 
möglich ist. 
Und so wünsche ich denn Ihren Verhandlungen jenen Erfolg, der mir der schönste 
zu sein scheint, den wir anstreben können: Durch Arbeit zum Herzen der Menschen und 
damit zum Wohle unserer Mitbürger!" 
Nachdem der Kongreß noch von den Vertretern des Landesausschusses, der Stadt 
Wien, der Zentralstelle für Wohnungsreform willkommen geheißen worden war, ant- 
worteten der Ehrenpräsident des Kongresses, der Direktor der Belgischen Nationalbank 
Lepreux, namens des Permanenten internationalen Komitees und die offiziellen Vertreter 
der auswärtigen Regierungen. Die eigentlichen Kongreßverhandlungen hatten von vorn- 
herein eine bestimmte Richtschnur durch die vom Permanenten Komitee festgesetzte 
Tagesordnung erhalten. Denn die Wohnungsfrage umfaßt so zahlreiche Detailprobleme. 
daß die Diskussion, sollte sie fruchtbringend werden, auf einzelne Fragen beschränkt 
werden mußte, die durch zahlreiche. aus den verschiedenen Ländern von hervorragenden 
Fachleuten erstattete und in Druck gelegte Spezialreferate eine sorgfältige Vorbereitung 
erfahren hatten. So standen denn vier Probleme zur Diskussion: die kommunale Wohnungs- 
politik, die Kreditorganisation für die gemeinnützige Bautätigkeit, die Frage lGeinhaus 
(Cottage) oder Miethaus (Block), endlich die Frage, in welcher Weise eine Verbilligung 
der Baukasten möglich wäre. Die Diskussion dieser Probleme, an welcher Angehörige 
aller Länder und Nationen in lebhafter Wechselrede sich beteiligten, empfing in den 
erschöpfenden einleitenden Berichten der Generalreferenten ihre breite und sichere Grund- 
lage. Und tief prägte sich in dern Widerstreit der Meinungen jener große, noch nicht 
überwundene Gegensatz der beiden Weltanschauungen aus, von denen die eine alles 
von der Selbsthilfe des einzelnen erwartet und von dem Eingreifen des Staates wie der 
öffentlichen Körperschaften in das Wirtschaftsleben eine Lähmung der Selbstverantwort- 
lichkeit des Individuums befürchtet, während die andere an die Hilfe des Staates und der 
Gemeinde appelliert und ihnen wenigstens insoweit die PHicht zur I-Iilfeleistung im Kampfe 
gegen die Wohnungsnot auferlegt, als es sich um jene Kreise der Bevölkerung handelt," 
die wirtschaftlich zu schwach oder zu wenig erfahren sind, um sich aus eigener Kraft zu 
helfen. Deutlich trat in der Diskussion über die Frage Cottage oder Block von neuem der 
tief wurzelnde Gegensatz zwischen der Wohnweise in England zutage, die nur das Einzel- 
haus als berechtigte Wohnform anerkennen will und schroff das Massenmiethaus ablehnt, 
und der Wohnsitte des Kontinents, die in den Großstädten das Massenmiethaus geschaffen 
hat, einen Typus, von dem sie sich angesichts der mit ihm zusammenhängenden Gestaltung 
der Bodenpreise nicht mehr zu befreien vermag. In all den zur Diskussion gestellten Fragen 
haben die Kongreßverhandlungen natürlich eine entscheidende Lösung nicht gebracht, 
aber sie haben unzählige neue Erfahrungen vermittelt, sie haben wiederum gelehrt, daß es 
für die Probleme der Wohnungsreform wohl keine einheitliche, überall gültige Lösung, 
aber zahllose Formen der Lösungen gibt, die, richtig verstanden und angepaßt, weit über 
das Gebiet ihrer ersten Anwendung hinaus Nachahmung finden können. 
IEN. DIE AUSSTELLUNG GEMEINNÜTZIGER WOHNUNGS- 
ANLAGEN 1910. Die anläßlich des IX. internationalen Wohnungskongresses 
in den Räumen des k. k. Österreichischen Museums in der Zeit vom 12. Mai bis 26. Juni 
veranstaltete Ausstellung gemeinnütziger Wohnhausanlagen begegnete dem regsten Inter- 
esse sowohl bei den Kongreßteilnehmern als auch im Publikum. Die österreichische 
Abteilung der Ausstellung enthielt naturgemäß fast alle hier bekannten gemeinnützigen 
und industriellen Wohnungsanlagen sowie viele Projekte, die erst im Entstehen be- 
griffen sind. Bemerkenswert waren die leider noch zu wenig publizierten Anlagen der
	        

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