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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 8 und 9)

UNST UND KÜNSTLER VON GESTERN UND HEUTE. Unter 
diesem Titel gab Professor Seligman, der Kunstberichterstatter der „Neuen Freien 
Presse", erst kürzlich ein Buch heraus," welches seine in den letzten jahren erschienenen 
Feuilletons über alle Ereignisse und Fragen des reich entwickelten künstlerischen Lebens 
von Wien zusammenfaßt. Das moderne Wiener Kunstfeuilleton hat eine gute, alte Tradition 
hinter sich; Männer von Geist und feinem Empfinden haben gerade hier kleine Meister- 
werke geschaifen, die das flüchtige Eintagsdasein eines Zeitungsartikels überdauern und 
auch noch von kommenden Generationen mit Genuß gelesen werden können. Das beweisen 
zum Beispiel die fein ziselierten Aufsätze Speidels, die man kürzlich in einer Auswahl 
herausgegeben hat. Professor Seligmann notiert in der Vorrede seines Buches, daß er seine 
Kunstberichte nicht als Historiker oder ästhetisierender Literat, sondern als ausübender 
Fachmann schreibe und er hat damit sehr klug das Wesen seiner Referate ausgedrückt, 
die allerdings sehr häufig über den Umfang solcher hinausgreifen und sehr viel bemerkens- 
werte, geistreiche Perspektiven bieten. Ich kann mir sehr gut denken, daß es gerade für 
einen „ausübenden Fachmann" recht schwierig ist, sich zu objektiver Beobachtung 
von Kunstwerken zu zwingen, die seiner eigenen künstlerischen Anschauung fremd sind 
oder ihr gar diametral gegenüberstehen. Denn je stärker die Individualität eines Künstlers ist, 
desto intensiver sind auch seine Sympathien und Antipathien ausgebildet. Seligmann ist 
Fachmann, gewiß, aber er ist es nicht bloß auf dem Gebiete seiner Kunst, der Malerei, 
sondern auch, wie sein Buch beweist, als Literat. Sein Stil ist persönlich und zeugt von 
spezieller Begabung. Das Schreiben über Kunst macht ihm Freude und Genuß. Er sucht 
die Werke fremder, ihm nicht sympathischer Kunst gerecht in ihren Motiven zu verstehen, 
denen er nachgeht; er verurteilt erst nach genauer Prüfung und mit Ernst und Gewissen- 
haftigkeit. Sein Stoff, das Feuilleton, das er gerade schreibt, vertieft und formt er zu 
großer Prägnanz und Anschaulichkeit. 
Gerade Wien mit seinem komplizierten Ausstellungsleben, das drei große Künstler- 
gruppen und zahlreiche kleinere Cliquen nuancieren, Wien mit seiner unendlichen Fülle 
zahlloser Beziehungen zwischen alter und neuer Kunst und Kultur, stellt an den Bericht- 
erstatter der größten Tageszeitung außerordentliche Anforderungen an Verständnis und 
Nerven. Fast überreich ist der Gesichte Fülle, die unaufhaltsam neben- und nacheinander 
an dem Beschauer vorüberziehen und dabei so heterogen, daß es außerordentlich schwierig 
ist, das Wesentliche zu erfassen und das was in allen diesen Erscheinungen das oft verborgen 
liegende künstlerische Moment, das Treibende ist, herauszuheben und darzulegen. Mit sehr 
viel Klugheit und gesundem Menschenverstand, der allerdings teilweise zu schroff das allzu 
Verstiegene und in seinen AugenExtravagante ablehnt, schreibt Seligmann seine Feuilletons. 
Recht reichhaltig ist der Inhalt des Buches und verschiedenartig. Neben Essays 
über die allgemeinen Aufgaben der Kunst und der kunstgeschichtlichen Entwicklung, neben 
solchen symptomatischen und prinzipiellen Charakters über die neuen Richtungen finden 
wir temperamentvoll geschriebene, geschlossene Charakterbilder von älteren und neueren, 
in erster Linie natürlich Wiener Künstlern und endlich Referate über allerlei aktuelle Wiener 
Kunstfragen, die aus Ausstellungen, geplanten Neubauten, Denkmal-Schutzfragen und so 
weiter herausgewachsen sind. Man kann dem Buche kein größeres Lob sagen, als wenn 
man erklärt, daß sein Inhalt tatsächlich wert war, der flüchtigen Existenz der Tagespresse 
entrissen zu werden, da es, in dieser Form zusammengefaßt, einen wertvollen Beitrag zur 
Psychologie des künstlerischen Lebens in Wien während der letzten Jahre bildet und - 
bilden wird, E. W. Braun-Troppau 
REISAUSSCHREIBÜNG. Das Kunstgewerbliche Museum der Handels- und 
Gewerbekammer in Prag schreibt aus den von der Kammer hierzu gewährten Mitteln 
für das Jahr xgio folgende Preisaufgaben aus: I. Halsschmuck, bestehend aus einem 
" Kunst und Künstler von gestern und heute. Gesammelte Aufsätze von A. F. Seligmann. Wien xg 10. 
Verlagsbuchhandlung Karl Konegen (Ernst Stillpnagl).
	        

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