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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 8 und 9)

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ziemlich groß und es gibt genug leere Wandflächen, die ebenso wie die oft 
weitläufig besetzten Vitrinen das Entsetzen vieler Orientfreunde bilden. 
Die Ausstellung dürfte gerade wegen ihrer allen Traditionen widerspre- 
chenden, völlig unmalerischen Gruppierung die ganze mohammedanische 
Kunst bei einer großen Zahl sonst begeisterter Besucher wohl gründlich 
unpopulär machen. Und das wäre schon ein Erfolg; denn die Enttäuschung 
wäre zugleich der Beginn zur Umkehr von ganz falschen Vorstellungen und 
der allmählichen Einsicht in die wirklichen Schönheiten dieser eigenen Welt. 
 
DIE GEWEBE UND STICKEREIEN AUF DER 
MQHAMMEDANISCHEN AUSSTELLUNG IN 
MUNCHEN 1910 S0 VON M. DREGER-WIEN S0- 
IE Teppiche und die Stoffe sind gewissermaßen die 
eigentlichsten Gebiete des orientalischen Kunst- 
schaffens, und die Stoffe sind es in Hinsicht auf 
die „schrankenlose" Phantasiebetätigung, die den 
Orient und die Volkskunst so kennzeichnen, viel- 
leicht noch mehr als die Teppiche; denn der 
Teppich ist immerhin ein von vornherein be- 
grenztes Flächengebilde, während der Stoff, seiner 
Idee nach grenzenlos, nur durch die zufällige je- 
weilige Verwendung seine Umfassung erhält. Aber 
auch über diese, rein äußerliche, Beschränkung 
wird ein starker, sich wiederholender Rapport das Auge immer unwillkürlich 
hinausziehen und die mehr zufällige Form, sei es einer Bespannung, sei es 
einer Kleidung, aufheben oder wenigstens stark zurückdrängen. jede plastisch 
empfindende Kunst, wie die klassisch-antike oder die europäische seit der 
Spätgotik und Renaissance, wird daher einfachere Stoffe und solche mit be- 
scheideneren Rapporten bevorzugen oder, wenn sie starke Muster wählt, diese 
entweder für eine bestimmte Umfassung klar abgrenzen, wie es besonders 
die Empirekunst liebt, oder durch sehr starke Umrahmungen schließen, 
allenfalls auch durch bestimmtes Ausschneiden und Verteilen in ein tekto- 
nisches Ganzes einordnen, wie es zum Beispiel mit den großen Granatapfel- 
mustern in Renaissancekleidern geschieht. 
In der orientalischen Kunst feiert dagegen der wirkliche „unendliche 
Rapport" seine höchsten Triumphe. Dazu kommt noch die Farbenfreude 
des Orients, die sich in den Textilerzeugnissen mehr betätigen kann als auf 
jedem anderen Gebiete, von der Buchmalerei etwa abgesehen, die aber doch 
nie so große Flächen auszufüllen vermag. Der Holz- oder Metallarbeiter, 
der Glaserzeuger, selbst der Keramiker werden nie mit einer solchen Fülle 
von Farben rechnen können, wie der Färber und Weber.
	        

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