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Volltext: Monatszeitschrift XIII (1910 / Heft 8 und 9)

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Auf dunkelblauem Grunde sehen wir zwischen Pflanzen und Bäumen Tier- 
kämpfe wiedergegeben, deren ungelenke Zeichnung und unharmonische, 
grelle Farbengebung auf eine ziemlich späte Entstehung, etwa auf die zweite 
Hälfte des XVII. Jahrhunderts, und auf die Nachahmung eines älteren Vor- 
bildes schließen läßt. 
Andere, aus der Münchner Residenz stammende Teppiche sind nicht wie 
jene Knüpfteppiche, sondern sogenannte Gobelinteppiche, in Wirktechnik 
hergestellt; auch bei ihnen spielen Metallfäden eine große Rolle. Zwei als 
Gegenstücke gearbeitete Teppiche zeigen in der Mitte einen polnischen Adler, 
der auf der Brust ein Wappenschild mit einem lilienartigen Gebilde trägt 
(Abb. I3); wahrscheinlich das mißverstandene Wappen der polnischen Prin- 
zessin Anna Katharina Konstanze, einer Tochter des Königs Sigismund III. 
Wasa, der ersten Gemahlin des späteren pfälzischen Kurfürsten Philipp 
Wilhelm. Am 9. Juni 1642 fand die Vermählung in Warschau statt, und die 
Teppiche mögen einen Bestandteil der Ausstattung der Prinzessin gebildet 
haben. Als man die Teppiche in Persien anfertigte, ist das Wappen nicht 
ganz der eingesandtenVorlage entsprechend ausgeführt worden: der polnische 
weiße Adler ist farbig geworden, und die gelbe Garbe der Wasa hat sich in 
ein blaues lilienartiges Gebilde verwandelt. In ähnlicher Weise enthalten 
bekanntlich die in China in Auftrag gegebenen Porzellanservice oft mißver- 
standene europäische Wappen. 
Interessanter als diese Wappenteppiche ist ein anderer, in der Farben- 
gebung wunderbar frisch erhaltener Gobelinteppich der Residenz, dessen 
Muster ihn in gewissem Sinne als Seitenstück zum Wiener Jagdteppich 
erscheinen läßt (Abb. 14). Auch hier ist die Fläche des Innenfeldes mit bunt- 
farbigen jagenden Reitern auf Goldgrund belebt. Das Mittelmedaillon, die Eck- 
zwickel und die ovalen Medaillons der nur auf den Schmalseiten erhaltenen 
Borte zeigen ähnliche geflügelte Genien, wie wir sie vom Jagdteppich her 
kennen. Persische Verse füllen die Seitenmedaillons des Innenfeldes und die 
schmalen Umfassungsbortenf" Die Übereinstimmung zwischen einzelnen 
Jagdgruppen und den geflügelten Genien macht es nicht unwahrscheinlich, 
daß zwischen den beiden Teppichen ein gewisser Zusammenhang besteht, 
daß vielleicht dieselbe Vorlage hier wie dort benutzt, oder daß der Gobelin- 
teppich als eine spätere, vereinfachte Nachahmung des älteren Seidenteppichs 
anzusehen ist. Er dürfte schon dem Beginn des XVlLjahrhunderts angehören 
und ist wahrscheinlich zusammen mit den beiden Wappenteppichen im 
jahre 1642 von Persien nach Warschau gekommen. 
Etwa gleichzeitig dürfte ein anderer Gobelinteppich aus dem Besitze von 
Dr. Figdor in Wien (Nr. 86; Abb. I5) anzusetzen sein, dessen Reiz vor 
allem in der harmonischen Abstimmung der zarten Farben besteht, in denen 
' l-Ierr Professor Georg Jacob-Erlangen hat die Güte, mir ilber diese Inschriften folgendes mitzuteilen: 
„Die Mittelfeldinschrift lautet: -Weil sie eines Tages den Fuß mir aufs Haupt setzt, erklärt jene Perigestalt 
mich, den Teppich, für ihr eigen (für ihren Sklavenh. Die Inschrift scheint auf die auf dem Teppich darge- 
stellten Perifiguren anzuspielen, die rnusizierend und dienend eine auf dem Thron sitzende gekrönte Figur 
umgeben. Die Randinschriften enthalten abgeschnittene Stücke aus zwei verschiedenen persischen Gedichten."
	        

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