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Objekt: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 222)

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ist es richtig, dass J. J. Rousseau in seinem vEmiln von einem idealen 
Naturzustand ausgeht, der sich direct gegen den damaligen Staat wendet, 
und der weder jemals wirklich vorhanden war, noch in irgend einer Zeit 
durchführbar sein wird. Aber den Vorzug hat Rousseau, dass er in der 
Erkenntnis der Verschiedenheit der Stände aufgewachsen, die Bedeutung 
des Handwerkerstandes vollkommen gewürdigt hat. Nachdem er also 
meint, vdass von allen Beschäftigungen, welche den Menschen einen Unter- 
halt verschaffen, der Handwerkerstand derjenige ist, der am meisten dem 
Naturzustand sich nähert, so kann unter allen Umständen der Handwerker 
auch als derjenige bezeichnet werden, der von einem Glückswechsel am 
unabhängigsten ist, denn der Handwerker hängt lediglich von seiner 
Arbeit abu. Diese Auffassung vom Werthe des Handwerkes führt ihn 
zu der Ansicht, dass man ein Handwerk nicht blos wegen der praktischen 
Uebung lernen soll, sondern man muss, sagt er, dahin streben, die Vor- 
urtheile zu besiegen, nach welchen man das Handwerk mit Geringschätzung 
behandelt. Es folgt daraus, dass sein Emil schon in der Jugend ein Hand- 
werk lernen muss. Es ist dies dasselbe, was wir wünschen, dass es in 
der Volksschule eingeführt würde, denn das Handwerk muss von der 
Volksschule ausgehen. Die gebildete Gesellschaft der damaligen Zeit hat 
diesen Grundsatz aufgenommen und in allen vornehmen Häusern hat man 
bei der Erziehung des männlichen Geschlechtes darauf Gewicht gelegt, 
dass der Junge ein Handwerk erlernte, und wenn wir die Biographien 
hervorragender Männer aus der vornehmen Gesellschaft lesen, so finden 
wir häufig, dass sie in ihrer Jugend den Rousseau'schen Grundsätzen 
entsprechend erzogen worden sind und ein Handwerk gelernt haben. So 
kam es, dass es im verflossenen Jahrhundert am kaiserlichen Hofe in Wien 
Mode wurde, dass die Prinzen irgend ein Handwerk gelernt haben. Heute 
ist das freilich anders geworden. Die Söhne der heutigen Aristokratie 
werden selten angewiesen, sich geistig ernsthaft zu beschäftigen, geschweige 
denn ein Handwerk zu erlernen. Das Clubwesen, der Sport und der 
Umgang mit dem Weibe bilden, in sehr jungen Jahren schon, heute bei 
einem Theil unserer aristokratischen Jugend den standesgemäßen Zeitver- 
treib. Die Pflege eines Handwerkes im aristokratischen Hause ist außer 
Uebung gekommen. Und doch weist die Zeit darauf hin, die vornehme 
Jugend zur Selbstverwaltung ihres Besitzes, sei dieser ein Land- oder 
Fabriksbesitz, und zu werkthätiger Arbeit zu erziehen. 
Dazu kommt eine Schulgesetzgebung, welche für die Anforderungen 
des gewerblichen Unterrichtes wenig Verständniss hat. 
Nach vollendetem 14. Lebensjahre lernt kein Junge ein Handwerk 
mehr, es müsste denn sein, dass er schon in der Schule sich eine Hands 
werksfertigkeit angeeignet hat. Im verflossenen Jahrhundert waren die 
Principien der tonangebenden Pädagogen Rousseau und Pestalozzi viel 
gesündere, als die Anschauungen unserer maßgebenden Schulmänner. Die 
politischen Gesichtspunkte beherrschen unsere Staatspädagogen so sehr,
	        
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