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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 3)

gefaltetem Papier. Große Qualität Ende ich in Otto Müller. Sein weiblicher Kopf von exo- 
tischem Typus - aber einem verfuhrenden - gelblich, im Casquet der schwarzen Haare 
mit weißen Tupfen, dunklem Pelzsaum um Hals und Arm vor einer rosa-grau-gelb gefel- 
derten Wand - nur der Kopf betont, der Körper übergehend in die Harmonie der Wand - 
das ist ein bestrickendes Geschmacksstück. Gegend des Wieners Klimt etwa und Orliks. 
Persönlicher noch, raffiniert im Aitistischen und dabei frappant in der Ausdrucksstärke, 
erscheint das Selbstbildnis, ein schmal spitziges, etwas zerriges Schauspielergesicht - 
Genre Alfred Abel vom Kleinen Theater - mit langgezipfelter Nase, aufgerecktem Ohr und 
schwarzer Haarsträhne über der Stirn. Tonig hebt sich das gelbe Gesicht mit diesem 
schwarzen Accent aigu aus dem grauschwimmenden Grund. Und ein hellgrüner Kittel 
nuanciert diese Sinfonie. Charakteristik wie malerischer Esprit ist hier gleich fein und 
vergleichbar besonderen japanischen Blättern, vor allen denen des dämonischen Be- 
schwörers der Schauspielermasken Sharaku. Anregend und anziehend sind schließlich die 
Arbeiten Segals. Er verfügt über eine persönliche Technik, die ihm sichere Handschrift 
für seine temperamentsstark erlebten Eindrücke wird. Seine Art ist bei landschaftlichen 
Motiven, der Eisenbahnbrücke zum Beispiel, strähnig, strichig; Flächen bildet er von ab- 
tropfenden Farbenrinnsalen; geknetet, modelliert erscheint das und durchaus zwingend. 
Dazu kommen diesmal dekorative Delikatessen. Ein Stilleben von einem raffinierten 
Schmelz, daß man an die Gleitfarben ausgesuchter Eisspeisen oder orientalischer Harems- 
konfekte denkt. Und der ganze Orient leuchtet tief und brennend aus den Bildern der 
beiden Türkinnen mit Emailtönen, grün, gelb, rot mit Teppichlüster und dem Seidenrelief 
der Stickereien. Übrigens auch einen Senior haben die jungen, den sechzigjährigen 
Christian Rohlf, der vordem braver Weimarer Professor, danach ein fanatischer Anbeter 
van Goghs wurde und in diesem Zeichen hier drei Naturvariationen ausstellt. So läßt auch 
die Neue Sezession, gleich der soeur ainee, die Alten zu sich kommen. 
ERLIN. DAVID EDSTRÖM. David Edström, der Bildhauer aus Schweden, ist 
ein Impressionist stark erschauter Lebensvisionen; Menschen und Affekte bannt er mit 
einem Schöpfergriff. In Bronze faßt er seine Gesichte. Und an Rodin denkt man bei dieser 
ekstatischen Beschwörerkraft. 
Im Saal von Keller und Reiner wandelt man zwischen diesen Köpfen und sie bedrängen 
einen. Medusisch, gorgonisch wirken die finster dräuenden Erzgebilde: der Schrei der 
Armut, ein schräg aus langschweii-igem Furienhaar aufgereckter Kopf mit aufgerissenem 
Mund und gurgelnder Zunge; die Verzweiflung mit startenden Augenhöhlen. Dämonen 
formt Edström, Nachfahren der verruchten Chimären, die als Zeichen der sieben Todsünden 
das Gesims von Notre-Dame kränzen: die Furcht, ein starrkrampfverzerrter Körper, 
das Gesicht vor Grauen ausgelöscht, nur aus Löchern bestehend, den Löchern des 
Mundes, der Nase, der Augen; der Neid, geierschnabelig mit wüstem Zerrgriff. Masken 
ballt er, die der Sphinx, ein ovales starres Antlitz, im Haarmantel steckend wie eine wilde 
Frucht in halbgeöffneter Schale, die Augen zwischen dickwölbigen, geschlechtswollüstigen 
Lippenrändem. Dann Grotesken: ein Caliban-Kopf, schrägschief, mit Stulpnase und einem 
lallenden Schlauchmund; ein Buckliger, der Kopf fast rechtwinklig aus der Gebirgsformation 
des Rückens herauswachsend und mit einem Hängebait. 
Edström gestaltet aber auch Porträte von einer unheimlichen Lebendigkeit. Er 
zwingt intuitiv das Wesen der Menschen hervor und spricht es in ihren Zügen aus. Franz 
Oppenheimer, den Bodenreforrner, bringt er in seiner Mischung aus zappelig beweglicher 
Witzigkeit und eigensinniger Ideologie frappant heraus mit einem ganz auf die schiefe 
Linie gestellten Gesicht, dem skurril verzogenen Mund und der schrägen Nase. Dagegen 
ein imposantes Haupt: Erik von Trolle, mächtige Stirnwölbung, die Schädeldecke wie eine 
Kuppel, gebietende Nase, herausspringend aus gewaltigen Augenhöhlen. D'Andrade, Lang- 
Schädel, voll Rhythmus und Schwingung bis zu dem spitzragenden spanischen Kinn 
unter dem aufgedrehten Schnurrbart, Don juans Abbild. 
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