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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 6 und 7)

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stark, um sich zu differenzieren und allmählich einen eigenen Stand von 
Kupferstechern auszuscheiden. Wenn Franz von Bocholt, der Meister W 
und der Meister mit den Würfeln, wenn Israel van Meckenem und Wenzel 
von Olmütz früher Goldschmiede waren, so bedeutet das etwas ganz anderes, 
als wenn Brunelleschi oder Ghiberti es gewesen sind. jene sind Kupferstecher, 
die das Handwerkszeug und - mit der gehämmerten Metallplatte - auch 
das Arbeitsmaterial mit herübernehmen und sich durchaus nicht in Gegen- 
satz zu ihrem früheren Beruf zu setzen haben. Daher sind in Deutschland 
und in den Niederlanden, wo ähnliche Verhältnisse bestanden, fast ununter- 
brochen die intimsten Verbindungen zwischen Stechern und Goldschmieden 
aufrechterhalten worden, und daher kennt auch Deutschland eine sehr 
große Zahl von hervorragenden mit Gravierungen bedeckten Goldschmiede- 
arbeiten, fünf allein in der Sammlung Figdor, während ich aus Italien kaum 
nennenswerte Beispiele anzuführen wüßte. . 
Bei Figdor wäre zunächst die gravierte Patene, unsere Figur 25, zu 
erwähnen, ein reizvolles und merkwürdiges Stück, das der ersten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts angehört. ' 
Wir sind so sehr gewohnt, die Patene glatt zu sehen, daß es uns zu- 
nächst überrascht, sie hier ganz mit Gravierungen bedeckt zu finden. Für 
denjenigen aber, dem Form und Verzierung alter Kultgeräte geläufig sind, 
hat das nichts Befremdendes. Man pflegte die Patene im Mittelalter sogar 
mit Edelsteinen und Email, ja selbst mit Filigran zu verzieren. Gravierte 
Patenen sind im XVI. Jahrhundert sogar besonders häufig. Die tiguralen 
Szenen auf denselben zeigen mit sehr wenig Ausnahmen entweder Maria, 
den Heiland oder das „wahr lamb". Die Vertiefung in der Mitte ist meist 
tellerförmig, und das Signaculum steht fast immer auf der Vorderseite. 
In all diesen Punkten weicht die Figdorsche Patene vom Durchschnitt 
ab; man kann sie in dieser Beziehung als eine selbständige Leistung be- 
zeichnen. 
Die Gravierung zeigt die heilige Agnes, die jedenfalls mit Rücksicht auf 
den Besteller oder den Ort der Benutzung, der vielleicht der heiligen Agnes 
geweiht war, hier ihren Platz gefunden hat. Auch mag die Figur mit Rück- 
sicht auf das Attribut gewählt worden sein, denn das Lamm neben ihr 
bezieht sich nicht auf irgendeine Episode in ihrem Leben, sondern es ist 
einzig und allein das Sinnbild Christi. 
Das Profil der Vertiefung, das einem Kreissegment entspricht, ist nicht 
ohne Beispiel im XV. Jahrhundert und hat sogar sein um sieben Zentimeter 
größeres Gegenstück in einer Patene des Domschatzes zu Prag, aber für 
die in Betracht kommende Zeit ist die Form vielleicht etwas archaisch. 
Daß das Signaculum auf der Rückseite angebracht ist und nicht auf der 
Vorderseite, zeigt uns, daß der Meister die feingezogenen Linien seiner wohl- 
gelungenen Ornamentik nicht unterbrechen wollte und sich nicht scheute, 
von der Tradition, die bei kirchlichen Gegenständen so leicht zu einer 
geheiligten Gewohnheit wird, abzuweichen.
	        

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