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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 6 und 7)

Im Jahre 1781 meldete man dem Kurfürsten Karl Theodor, daß die 
Zinnsärge in der Lauingschen Fürstengruft schadhaft seien und daß ein- 
zelne Kunstgegenstände herausiielen. Infolgedessen beschloß man, sämtliche 
Wertsachen aus den Särgen zu heben. Bei dieser Gelegenheit fand man in 
demjenigen des Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg den in Figur 87 
in natürlicher Größe abgebildeten Gegenstand. 
In einer Veröffentlichung aus dem Jahre X864 wird er 
in folgender Weise beschrieben: „Ein goldner Nestelhaken, 
wie man sie zum Durchziehen der Nesteln brauchte, mit 
welchen die Beinkleider an das Wams befestigt wurden." 
Diese Notiz war die Quelle alles Übels. Sie war so 
plausibel, daß man gar nicht merkte, wie falsch sie war, 
und ohne Bedenken akzeptierte man das Wort „Nestel- 
haken" zur Bezeichnung gewisser Kleingeräte mit umge- ' 
bogener Spitze. Sie sind aber durchaus keine Nestelhaken, 
sondern Zahnstocher. Wir wissen aus unzähligen Bildern, 
daß man solche Gegenstände meistens an einer relativ kur- 
zen Kette um den Hals zu tragen pflegte. Da muß man 
schon ein Schlangenmensch sein, um das kleine Gerät aus 
der Lage, in der es sich befindet, zum Zunesteln der Bein- Figur 814 Nar. Gr- 
kleider zu benutzen. Aber zu einem Zahnstocher kann man Säjzgfzensaafgilcilg: 
es verwenden, ohne es von der Kette loszulösen oder diese Ludwig von Pfalz- 
vom Halse abzustreifen. Außerdem kommen verwandte Ge-  
genstände sehr oft zugleich mit kleinen Ohrlöffeln vor, und fnuggum; Manch", 
da wir die nicht gerade geschmackvolle Verbindung von Zahn- 
stocher und Ohrlöffel schon von der Hallstatt-Zeit her kennen, 
ist es so ziemlich gewiß, daß hier ein Zahnstocher vorliegt. 
Übrigens besitzt die Sammlung selbst einen Gegenstand, der 
die Frage in unserem Sinne entscheidet. Unter ihren unschein- 
baren Stücken befindet sich ein Haken, den wir in Figur 88 
abbilden. Es ist sicherlich kein Nestelhaken, um die Männer- 
hosen aufzubinden, denn Frauen und Mädchen tragen ihn 
um den Hals. ja, noch mehr. Wenn wir die Darstellung einer 
schwedischenBauerntracht prüfen, die wirumseitigin Figurßg 
abbilden, so sehen wir, daß der Haken auch nicht dazu ge- 
dient haben kann, etwa die Schnüre am Mieder zusammen- 
zuziehen, denn das Kostüm hat gar keine Schnüre. Wir be- 
merken zugleich, daß die Frau außer diesem Gegenstand 
auch einen Ohrlöffel um den Hals trägt; es tritt uns also aber- Figur w Nah an 
mals die traditionelle Verbindung von Ohrlöffel und Zahn- Schwedische Arbeit. 
stocher entgegen, und wir sind sicher, daß es sich auch hier XVIL Jm- 8m" 
_ _ , vergoldet (Samm- 
um einen Zahnstocherund nichtum einen Nestelhakenhan delt. lung Figdoy) 
 
  
 
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