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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 6 und 7)

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die bläulich glasig starrende Atmosphäre voll Schauer-Frosthauchs. Aus dem Ausland 
erscheinen Joseph Israels, der Uralte, mit einem Selbstbildnis von rührender Gewalt; 
der old man, das eingefallene Gesicht tief unter der heruntergeklappten Hutkrempe ge- 
borgen, die Gestalt eingewickelt, vermummelt, im Schatten verdämmernd; Theo von 
Rysselberghe, der Belgier, mit Porträten im Interieur, die in einem illusionistischen Opal- 
und Irisschimmer perlmuttem erglitzem. Wie Farbenstaub von Schmetterlingen, rosa 
und grünlich mit metallischen Reflexen changiert es, ein Paillettenstil; und Hodlers 
strenges Meistertum in dem nackten Jüngling, der in Waldeinsamkeit die Hände als ein 
Adorant naturfromm erhebt, ferner in der heiligen Stunde, mit dem Kranz der blumen- 
haften Frauen - man fühlt Toscana - und der Toten, die lang und länger gestreckt, 
schmal und dunkel auf dem Lager gebettet ruht, ihr „eigen Bildnis oder Grabesrnal". 
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Reich besetzt ist, wie schon anfangs gesagt, die Juniorenklasse. Die Sezession ver- 
mittelt hier für das Publikum, vor allem aber für die Künstler die Bekanntschaft mit einer 
Gruppe junger französischer Maler, der Expressionisten. 
Der Name deutet die Absicht. Verwandt den Bestrebungen der Neuen Sezession, 
wollen sie vom Impressionismus fort zu einer vereinfachenden Ausdruckssprache. Sie 
erstreben nicht die Illusion der Naturwiedergabe, die Natur wird ihnen nicht Zweck, nur 
Mittel farbiger Betätigung. Die Transsubstantiation der Dinge lockt als Ziel. Motive 
werden nicht analysierend wiedergegeben, sie werden nur zum Ausgangspunkt, und die 
Bilder sind nicht reale Abbilder, sondern Phantasien über reale Stoffe, durchaus und ohne 
Nebenabsicht aus rein malerischer Sphäre empfunden, und so recht eigentlich farbiger 
Abglanz des 'Lebens. Cezanne mul] als Ahnherr dieser synthetischen Kunst angerufen 
werden. Und entschieden spürbar in der Neigunglzum Primitiven und zum Ethnographisch- 
Exctischen ist der Einiluß Gauguins. 
Man lernt hier eine Fülle neuer Namen kennen und merken; Pablo Picasso mit seinen 
mattonigen Malayentypen, Henri Manguin mit seinen dekorativen Stoffen und ihren 
Reflexen auf MenschenHeisch, George Braque mit seinerTerrasse, die wie ein orientalischer 
Aida-Traum wirkt; Derain, der Landschaften und Städtebilder ornamental vereinfacht auf 
eine Grundform gebracht, wie von einem alten Kupferstecher; Dongens Frauencapriccios, 
gleich wischigen Wandmalereien und exotischen Masken; Othon Friesz mit seinem 
Paradiesgarten, ganz aus dem Klima Gauguinscher Südsee-Reverien. 
Nahe steht dem Kurt Tuchs „Pfingstfreudw mit ihren trecentistischen Leibern, 
ihren Gobelintönen. Kurt Tuch ist bereits Mitglied der Sezession. 
Daneben sehen wir aber auch eine Anzahl jüngster deutscher Gäste: Oswald Galles 
Akte im Freien aus der strengen Marees-Schule; Gerbigs Schafherde mit gelbgrauen 
Vließen und schwarzen Köpfen, weich dahin wimmelnd, in einer strichelnden Technik 
lebendig gemalt; Haslers Pantherjagd (mit dem das Pferd anspringenden Panther an 
den Fries des Alexandersarkophages in Stambul erinnemd) voll koloristischen Tempe- 
raments des fleckigen Fells, der Schimmel, der Rappen, des Negers und voll stürmender 
Gewalt; Michelsons Leda, nicht sitzend, sondern stehend, vom mächtigen Schwan über- 
wältigt, Treumanns „Bildnis eines Unglücklichen", Elsbeth von Pauls Porträt der drei 
kleinen blauäugigen Flachsköpfe mit dem pikant japanisch erfaßten Motiv der schwarz- 
weiß karrierten Hängekleidchen. 
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Ein Paar Schlußworte über die Skulpturen, die, durch die Säle verstreut, das Aus- 
stellungsbild beleben. 
Man begegnet wieder den materialhaften, ausdrucksstarken Holzskulpturen Ernst 
Barlachs, die ihren Ursprung aus der Volkskunst kräftig bekennen. Man sieht eine gewaltige
	        

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